Pomeranzenduft und Enthauptungen – die Gärten der Residenz, Teil 1

Der Wetterdienst prophezeit für die nächsten Tage Wolken und Frost und langsam aber heftig beginnt mancher sich bereits wieder nach dem Frühjahr zu sehnen, oder zumindest nach etwas mehr Sonne… Immerhin drängen Schneematsch und Eisregen draußen – soviel sei in eigener Sache angeregt – am Wochenende nicht nur generell zum Museumsbesuch. Vor allem ist aber die Residenz auch grundsätzlich ein geeigneter Ort, um mitten im winterlichen München den privaten Traum vom Süden zu leben. 

Ein Versprechen von Sommer - der italienisch inspirierte Grottenhof der Residenz mit seinen Wasserspielen


Denn auch wenn es angesichts massiver Mauern und schwerer Eingangstore heute nicht mehr direkt ins Auge fällt, hat unser ganzer Bau ursprünglich als eine Art kleine Sommervilla mit lauschigen Bogengängen begonnen, die rund um ein abgeschlossenes Gärtchen mit viel Wasser und seltenen Pflanzen lagen. Das ganze Ensemble wurde in den 1580er Jahren im Auftrag Wilhelms V. (reg. 1579-1597 – leicht zu merken…) geschaffen. Er ließ den neuen Palast neben der wuchtigen Burganlage errichten, in der die Bayernherzöge zu diesem Zeitpunkt noch hausten, und schuf damit gewissermaßen den modernen, heiteren Gegenentwurf zu dem sicher als zugig und unbequem empfundenen Altbau in seinem trüben Wassergraben. Speziell der kleine Garten war die Wirklichkeit gewordene herzogliche Vision von Italien und orientierte sich an südlichen, vor allem an florentinischen Vorbildern.

Ansicht des opulent bepflanzten Grottenhofs aus dem 17. Jh. (Stich von J. A. Corvinius nach M. Disel, um 1722)

Zwischen der Burg und der noch ganz mittelalterlichen Stadt gelegen, muss die kleine Anlage gewirkt haben, als sei sie von einem anderen Stern gefallen. Das Herzstück, der Garten, ist heute noch zu besichtigen: Es handelt sich um den sogenannten Grottenhof, den die Besucher des Residenzmuseums als eine der ersten Stationen ihres Rundgangs betreten: Eine ausgemalte Grottenhalle mit einem zentralen Tropfsteinbrunnen öffnet sich auf das kleine, mit Hecken und Bronzestatuen geschmückte Geviert, in dessen Mitte ein Wasserbecken mit der Figur des griechischen Helden Perseus steht, das Werk des in Florenz ausgebildeten Niederländers Hubert Gerhard.

 

Heute sprudelt das Wasser aus einer Kopie. Das restaurierte Original steht im Raum 92

In der rechten Hand hält der schnurbärtige Perseus sein Schwert, in der linken – einen abgetrennten Frauenkopf, aus dem zu allem Überfluss statt Blut Wasser tröpfelt.´..
Nach kurzer Schrecksekunde mag mancher nun Herzog Wilhelm und seine Nachfolger einer relativ morbiden Auffassung von Gartenidylle verdächtigen – nicht jeder promeniert unbefangen unter dem wachsamen Blick eines mythologischen Frauenmörders. Aber natürlich kann sich alle Skepsis rasch in Wohlgefallen auflösen: Schließlich handelt es sich bei der bronzenen Dame ohne Unterleib um die grausame Dämonin Medusa, auf deren unguten Charakter bereits die Schlangen verweisen, die sich statt Haaren um ihren Kopf ringeln: Ihr todbringender Blick verwandelte alles in Stein und nur mit göttlicher Hilfe konnte Perseus sich daher überhaupt dicht genug an sie heranpirschen, um dem wüsten Treiben mit einem gezielten Hieb ein Ende zu setzen: Diese Hilfe kam unter anderem vom Gott Merkur (griechisch Hermes), der Perseus gegenüber in der Grottenhalle zu sehen ist, wo er anscheinend vom raschen Flug aus dem Götterhimmel kaum erschöpft auf dem Grottenfelsen aufsetzt.

Der Merkur von Carlo del Palagio lächelt verbindlich: Ohne seine Flügelschuhe wäre Perseus nicht zum Zuge gekommen

Ein Garten also, in dem der höfischen Gesellschaft vielleicht mit Augenzwinkern vom Kampf der Geschlechter, vor allem aber vom alten Kampf zwischen Gut und Böse erzählt wird. Und die subtile Folgerung, dass mit dem Helden, der da mit göttlicher Unterstützung ficht, eigentlich der gnädige Landesherr gemeint ist, konnte auch der geistig trägste Höfling ziehen. Ein besonderer zusätzlicher „Witz“ ergab sich damals auch noch daraus, dass das Gärtchen ursprünglich mit Statuen aus der reichen Antikensammlung der Bayernherzöge geschmückt war: Diese alten Griechen konnten von jedem, der den Mythos kannte, natürlich als Opfer der Medusa gedeutet werden, die vor ihrem gnadenlosen Blick auf immer erstarrt waren. Auch der Schmuck des Grottenbrunnens nahm Bezug darauf: Heute nur noch schwer zu erkennen, war er im 16. Jahrhundert reich mit bunten Kristallen, „versteinerten“ Vögeln sowie Figuren aus Muscheln und Tuffstein und roten Korallen verziert: Die Korallen aber, so berichtete schon der römische Erfolgsautor Ovid, sind wiederum nichts anderes als erstarrte Blutstropen der Medusa…

Entwurfszeichnung von F. Sustris (Staatl. Graph. Sammlung, München). Als Vorbilder vermutet man Tischbrunnen, die Goldschmiede für fürstliche Tafeln schufen. Statt Blut floss Wein aus den Röhren – na denn Prost…

Lektüre, soviel wird deutlich, konnte man sich demnach im herzoglichen Garten sparen, denn erzählt wurde ja schon durch die Ausstattung genug. Aber auch sonst wurde dem Besucher einiges geboten: Überall waren im Sommer kostbare Orangen- und Pomeranzenbäuem mit ihren golden leuchtenden Früchten in Kübeln aufgestellt und verströmten ihren Duft. Dazwischen verliefen Wege, die – wie könnte es anders sein – mit farbigen Steinen im bayerischen Rautenmuster blau-weiß ausgelegt waren. Offensichtlich fand man den Platz aber noch nicht optimal ausgefüllt und fügte im frühen 17. Jahrhundert noch vier kleinere Bronzebrunnen hinzu, in denen Verkörperungen der vier Jahreszeiten standen. Diese Statuen existieren übrigens heute noch und können im Bayerischen Nationalmuseum betrachtet werden.

Hans Krumper schuf die Jahreszeiten (hier der Frühling) um 1611/12. München, Bayerisches Nationalmuseum

Südliche Gewächse, Wasserspiele, italienische Kunst, literarische Anspielungen – wo unsereins vielleicht eine Tischtennisplatte oder den Grill unter dem Apfelbaum aufstellt, wurden im Residenzgarten alle Sinne gleichermaßen aktiviert: Kaum Platz für die Hängematte, aber ein unbegrenzter Raum für die Phantasie und ein Tummelplatz für die Augen bis heute: Auch das kann Erholung im Freien sein!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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