Immer Laptop und Lederhose? Oder lieber Hirsch und Helm – die Tellus Bavarica von Hubert Gerhard

 

Schon im letzten Beitrag hat sie eine tragende Rolle gespielt: die Tellus Bavarica, eine elegant posierende junge Dame aus Bronze. Freundlich lächelnd ist sie mit einem Helm und sonst nicht viel mehr bekleidet. Ein Hirschfell inklusive Geweih hat sie lässig über den Arm geworfen und den linken Fuß auf einem hölzernen – ja was eigentlich? – aufgesetzt.


Geschaffen wurde die rätselhafte Schönheit in den 1580er-Jahren vom niederländischen Bildhauer und Bronzekünstler Hubert Gerhard. Der war ursprünglich am Hof der Medici in Florenz tätig, bevor er dem Ruf der bayerischen Herzöge in das damals im Vergleich zur Toskana noch sehr provinzielle München folgte. Hier aber sollte er mit seinen nach neuestem italienischem Geschmack geformten Bronzeskulpturen für Aufsehen sorgen!

Heutzutage ist die Skulptur gleich zweimal zu bewundern: das Original steht im Residenzmuseum, eine Kopie balanciert in luftiger Höhe auf dem kleinen Pavillon im Münchner Hofgarten. Wohl nicht jedem, der die Figur betrachtet, wird klar sein, dass es sich hier um ein Art Vorbild der kolossalen Bronzeskulptur der Bavaria von Ludwig Schwanthaler an der Theresienwiese handelt, die dort 1850 feierlich enthüllt wurde. Beide Frauengestalten stellen nämlich Verkörperungen des Landes Bayern dar, auch wenn das ältere Vorbild deutlich graziler und leichtfüßiger daherkommt.

Schwester im Geiste? Der schwierige Guss der riesenhaften Bavaria war seinerzeit ein bayerisches Prestigeprojekt ersten Ranges

Ob Schwanthalers athletische Bavaria mit ihren beeindruckenden Proportionen andeuten soll, dass sich auch die Grenzen des jungen Königreichs Bayern zu Beginn des 19. Jh. ganz schön kräftig ausgedehnt hatten, muss Spekulation bleiben. Warum aber Hubert Gerhard die Tellus mit so zahlreichen Requisiten beladen hat, ist dankenswerter Weise schon wenige Jahre nach ihrer Entstehung durch den Augsburger Philipp Hainhofer erklärt worden – einem häufigen Gast am hezoglichen Hof von München. Er dürfte die Skulptur an einem ihrer frühesten Aufstellungsorte gesehen haben, dem ehemaligen Residenzgarten, der an der Stelle des heutigen Königsbauhofes lag.

Schwer zu glauben, dass sich hier einst eine frühbarocke Gartenanlage erstreckte. Heute gelangt man durch den Königsbauhof zum Museumseingang

Dort stand die Tellus als Brunnenfigur inmitten eines Wasserbeckens auf einem kleinen Grottenberg, von wo aus sie den schwäbischen Touristen wohl ziemlich ratlos gemacht hat. Glücklicherweise hat Hainhofer sich aber informiert und sein Wissen der Nachwelt in reizvoller, wiewohl etwas sperriger Orthographie hinterlassen.  Die Tellus also sei: „… ein groß Metallin Weibsbild lebensgröße, die hat auf ihrm huet eine Aichen laub, welches das gehültz in Bayren bedeuttet, umb den rechten arm hangt eine hirschhaut mit ainem gossenen hirsch kopf nd gewicht (d. h. Geweih) darain, dass bedeutt dass gewild inn Bayrland; inn der linckhen hand hatrs einen eher (eine Kornähre), der bedeuttet dass getrayd, bey den füessen ligt ein weinfässlin, dass bedeuttet den Weinwachs inn Under Bayrn, darneben eine Saltzscheuben (Salzfass), die bedeuttet dass saltz und Saltzpfannen.“  

Mithilfe von Hainhofers Erläuterungen gibt sich das Kostüm der Dame also als regionale Patchwork-Arbeit zu erkennen, in der Gebirge und Wald, Acker und Weinberg – und vor allem die lukrativen Salzbergwerke – ihre Spuren hinterlassen haben. Die Bezeichnung „Tellus“, der Name der altrömischen mütterlichen Erdgöttin,  passt darum hervorragend. Und all diese natürlichen Schätze der bayerischen Erde sorgen zusammen – so darf man es wohl verstehen – für den properen, gesunden Gesamteindruck unserer jungen Frau, sprich des Landes.

So etwa hat der Brunnen ausgesehen. Details aus einer zeitgenössischen Zeichnung von Matthias Karger, 1611 (Wolfsbüttel, Herzog August Bibliothek)

Seitdem Hainhofer die Tellus 1611 in ihrem Bassin bewunderte, hat sie sich zur regelrechten Wanderin und Kletterin entwickelt – auch hierin den Gewohnheiten der Landeskinder treu:  Schon vor 1616 wurde sie in den neu angelegten Hofgarten auf der Nordseite der Residenz transportiert.  Dort stellte man sie als Bekrönung auf der Kuppel des zentralen Pavillons auf, von wo sie über drei Jahrhunderte lang einen mal mehr mal minder unverstellten Blick Richtung Innenstadt genoss. Zwischenzeitlich hatte man ihr noch nach 1623 ihren Kranz von Kornähren aus der Hand genommen und drückte stattdessen den Reichsapfel hinein (warum, kann man im vorangegangenen Beitrag nachlesen).

Mitte der 1980er Jahre wanderte die Ur-Bayerin dann auf den großen Kamin des Kaisersaals, einen der wichtigsten Räume der Residenz im 17. Jahrhundert, den man nach dem Krieg nach überlieferten Quellen rekonstruiert hat.  Aber auch dort hielt es sie nicht dauerhaft.

mal draußen...


mal drinnen. im 17. Jh. schmückte tatsächlich eine Figur den Kamin des Kaisersaals, allerdings nicht die Tellus Bavarica

Heute steht die Figur als effektvoller Blickfang am Ende des Theatinerganges in der Residenz.  In einigen Jahren wird sie hoffentlich eine Hauptrolle in einer gemeinsamen Präsentation der bedeutenden Bronzen des 16. und 17. Jahrhunderts spielen,  die die Residenz beherbergt. Wir freuen uns drauf.

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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