Sächsische Buddhapriester und komische Vögel – Neuzugänge in der Porzellanausstellung

Auch kleine Veränderungen machen Freude – seit Kurzem ist die Neueinrichtung der Porzellanausstellung hinter den Reichen Zimmern in der Residenz abgeschlossen.

Stolz balancieren die neuen "Bewohner" der zentralen Vitrine in Raum 66 auf ihren Podesten

In den hohen, mit barocken Deckenstuckaturen ausgeschmückten Raum Nr. 66 und den angrenzenden Bereichen präsentieren wir unseren Besuchern seit einiger Zeit eine kleine, aber feine Auswahl an Glanzstücken aus der bedeutenden, nach tausenden Objekten zählenden Porzellansammlung der Wittelsbacher. Im Zuge der seit mehreren Jahren laufenden Sanierung der Residenz mussten die alten Ausstellungsräume für das Porzellan geschlossen werden und bis wir unsere Schätze wieder komplett, neu und zeitgemäß präsentiert den Besuchern vorstellen können, wird es noch zwei bis drei Jahre dauern.

Die kleine Best-of-Ausstellung von besonders phantasievollen Kostbarkeiten der Manufakturen Meißen und Frankenthal soll diese zeitweilige Lücke schließen helfen und Lust auf mehr machen. Das wir uns dabei auf die Schätze des 18. Jahrhunderts beschränken, hat neben dem nur sparsam verfügbaren freien Platz vor allem auch mit dem Kontext der umliegenden Räume zu tun. Diese wurden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im vollendeten Rokokostil ausgestattet, sodass die ausgestellten Porzellanschätze dem Besucher Gelegenheit geben, den Gemeinsamkeiten in der spielerischen Formensprache der Raumgestalter und der Keramikkünstler nachzuspüren. Allerdings hat zwischenzeitlich ein zentrales Stück der Ausstellung einen neuen, würdigen Platz gefunden und so ein „Loch“ in unsere Aufstellung gerissen:

Strahlt jetzt in der Grünen Galerie (Raum 58). Wer mehr zu dem guten Stück wissen will, liest unter http://www.residenz-muenchen-blog.de/?p=704

Das zierliche Meißener Teeservice, das um 1730 mit humorvollen Szenen aus einem erfundenen Märchen-China bemalt und auf silber-vergoldeten Rokoko-Aufsätzen montiert wurde, steht nun in der Grünen Galerie: Denn für die Ausstattung dieses Prunkraums ist das Service, wie uns alte Inventareinträge versichern, zusammen mit einem Pendant von Kurfürst Karl Albrecht einst angekauft worden. Entsprechend stolz sind wir gewesen, als wir nach Abschluss der jüngsten Bauarbeiten in der Galerie die porzellanenen Kannen, Dosen und Tässchen nach über 250-jähriger Unterbrechung wieder an ihrem ursprünglichen Ort aufstellen konnten!

Die Suche nach einem Ersatz für die leere Mittelvitrine in Raum 66 hat uns allerdings etwas Kopfzerbrechen bereitet – sollten hier doch Stücke nachfolgen, die nicht nur den Charme des abgewanderten Service besitzen, sondern ihm auch hinsichtlich Entstehungszeit, Herkunftsort und Thematik in etwa entsprechen. Schließlich haben wir uns für einige skurrile Gesellen entschieden, die uns schon lange im Depot freundlich angrinsten:

zeitlos modisch, wenn vielleicht auch nicht hundertprozentig chinesisch...

Die lächelnden Figürchen mit schicken Hüten und in fließend drapierten, teilvergoldeten Phantasiegewändern sollen chinesische Priester und Wächter eines Buddha-Tempels verkörpern: Einer Gottheit, mit der die verwöhnten europäischen Aristokraten des 18. Jahrhunderts weder anstrengendes Yoga-Training, noch Meditationspraktiken verbanden, sondern die ihnen fremd und geheimnisvoll, vielleicht etwas bedrohlich, auf jeden Fall aber ungeheuer interessant vorkam. Kein Wunder, dass die Porzellankünstler den Verehrern dieser Rätselgestalt nicht nur exotische, sondern auch humoristische Züge verliehen, die jeden Argwohn bannen konnten. Um 1725 entstanden, gehören sie zu den relativ frühen Erzeugnissen der berühmten Meißener Manufaktur und gelten – bis heute zumindest – als Unikate, von denen keine weiteren Ausformungen bekannt sind.
Ähnlich sorgfältig und detailverliebt sind die zwei kleinen Vogelskulpturen gearbeitet, die ebenfalls exotische Spezies verkörpern sollen und die wir unseren kostümierten „Chineser Figurn“ deshalb zur Gesellschaft gegeben haben – einen Papagei nämlich sowie einen langhalsigen Kollegen, von dem man sich nicht einig ist, ob er einen Vogel Strauß oder einen Helmkasuar darstellt – wir sind keine Ornithologen und tippen bis auf Weiteres auf einen Strauß…

 

oder doch ein staksiger Vogel Phönix? Jedenfalls hat der Modelleur ebensoviel Phantasie wie Können eingesetzt...

Glanz und Kostbarkeit, Zierlichkeit und Exotik – als zentraler Blickpunkt wird unser neues Arrangement dem Besucher hoffentlich in Zukunft auf einen Blick zentrale Aspekte vermitteln, die die Entwicklung der Porzellankunst geprägt haben. Schließlich begeisterte das „weiße Gold“, das man zunächst unter hohen Kosten aus dem fernen Asien importiert hatte, von jeher die europäischen Fürstenhöfe. Seitdem es in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts nach zahlreichen vorangegangenen Fehlversuchen endlich in Meißen gelungen war, selbst Porzellan herzustellen, gab es kaum mehr ein Halten: Die Bestände der Residenz dokumentieren die Leidenschaft, mit der sich eine betuchte Kundschaft auf die Produkte stürzte, die nun rasch auf den Markt strömten. Dabei begeisterte man sich beileibe nicht nur für Geschirr und bemalte Service für die neuen Modegetränkte Tee, Schokolade und Kaffee! Ganze, vielteilige Toilettegarnituren zur mal mehr mal minder notwendigen Schönheitspflege, Requisiten für das Glücksspiel, Kerzenleuchter, Tafelaufbauten und eine Unzahl reiner Zierstücke wurden aus der faszinierend glänzenden, schmiegsamen Keramikmasse gefertigt, kunstvoll bemalt und vergoldet, gekauft, verschenkt und präsentiert…

in welcher Dose waren jetzt nochmal die Schönheitspflästerchen...

Wer neugierig ist, die Palette all dieser Möglichkeiten etwas besser kennenzulernen, sei auf eine Erkundungstour in die Residenz eingeladen, wo wir Euch hoffentlich überraschen – und vielleicht auch begeistern können.

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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