Zum Max Emanuel-Jahr, Teil I: Kleiner Sonnenschein? Kindheit und Erziehung eines Kurprinzen im 17. Jh.

Aus einem Meer roter und silberner, über und über mit Rüschen. Perlen und gerafften Samtbändern verzierter Stoffe blicken zwei dunkle Augenpaare aus Puppenköpfchen recht furchtlos auf den Betrachter.


Das Doppelporträt von der Hand S. Bombellis (ca. 1666) hängt in Schloss Nymphenburg; (Leihgabe Bayr. Staatgemäldesamml.)


Jeder Zoll ein hoheitliches Paar, scheinen die beiden Zwerge bereit, sofort zu repräsentieren, einen Ball zu eröffnen oder eine formvollendete Audienz abzuhalten, wäre da nicht der befremdliche Kontrast – die kindlichen Proportionen, die unfertigen, offenen Gesichtchen…

Wohl 1666 hat der venezianische Maler Sebastiano Bombelli den damals vierjährigen bayerischen Kurprinzen Max Emanuel und seine ältere Schwester, die sechsjährige Prinzessin Maria Anna Christina auf diesem Doppelporträt festgehalten. Noch heute rührt es uns ungewohnt an durch den Widerspruch, den wir empfinden angesichts des erwachsenen Auftretens der zwei Kleinen, die so hoffnungslos unter dem Bombast ihrer höfischen Kostüme begraben scheinen.

Tatsächlich vermag gerade durch diese Irritation ein Kunstwerk wie Bombellis Gemälde besonders gut die Besonderheiten fürstlicher Kindererziehung im Zeitalter des Barock deutlich zu machen: Maria Anna Christina und vor allem Max Emanuel, der Erbe des bayerischen Herrscherhauses, wurden von Anbeginn auf ihre öffentlich Rolle als Vertreter ihrer fürstlichen Familie und künftige Monarchen vorbereitet. Für eine Kindheit im modernen Sinne, also als eine geschützte Phase persönlicher Entwicklung, war in diesem Erziehungskonzept kein Platz vorgesehen – die Idee, Kindheit könne gegenüber dem späteren Erwachsenendasein ein eigenständiger Lebensabschnitt mit eigenen Bedürfnissen sein, haben in der frühen Neuzeit nur wenige Verfasser von Lehr- und Erziehungstraktaten für die adelige Jugend verfochten.

Gleich nach der lang ersehnten Geburt wurde der kleine Max Emanuel deutschen und italienischen Ammen anvertraut. Ein eigener Hofstaat für den neuen Prinzen wurde eingerichtet und der Leitung einer Vertreterin des bayerischen Hochadels, der Gräfin Wolkenstein, unterstellt. Die Mitglieder dieses Hofstaats, die Ammen und Diener waren die ersten und unmittelbarsten Bezugspersonen des kleinen Jungen, nicht die kurfürstlichen Eltern, zu denen das Verhältnis eher durch ehrfurchtsvolle Distanz geprägt war – und das auch sein sollte.


Ein schwieriges Paar... Auch das Nymphenburger Bildnis der Eltern Max Emanuels - Kurfürst Ferdinand Maria und seine Gemahlin Henriette Adelaide - wurde 1666 von Bombelli gemalt (Leihgabe Bayr. Staatsgemäldesamml.)


Man besuchte die erlauchten Erzeuger täglich, wuchs aber nicht im stetigen Kontakt mit ihnen auf.
Mit vier Jahren begann Max Emanuels Unterricht – gemeinsam mit der älteren Schwester. Zu den bereits gesprochenen Sprachen Deutsch (mit dem Vater Kurfürst Ferdinand Maria) und Italienisch (mit der Mutter, Henriette Adelaide von Savoyen) kamen Französisch und Latein; dazu Anstandsunterricht, Tanz, Reiten, Musik…, alles nach einem festen und randvoll gefüllten Stundenplan. Den Tag eröffneten Morgengebet, Ankleiden, Frühstück und erster Unterricht. Dann der Besuch der Morgenmesse in der Kapelle zusammen mit der Mutter kurz vor zehn. Weiterer Unterricht am Nachmittag, dazu Sport, Reiten und auch schon erste Waffenübungen. Das Wiedersehen mit den Eltern erfolgte beim abendlichen Souper – oftmals vor den Augen von Zuschauern – gegen 18.00. Der Tag endete relativ früh um neun Uhr abends – Widerstand dagegen übrigens zwecklos.

Das unbegleitete Herumstreifen in der Residenz oder gar ein Verlassen des Palasts war nicht vorgesehen. Spielkameraden wurden zu Max Emanuel gebracht – er suchte sie sich nicht selber. Söhne des Adels wurden ausgewählt, die den künftigen Kurfürsten von Jugend an begleiten sollten.

Seitens der Eltern war es vorrangig die lebhafte, ehrgeizige Kurfürstin Henriette Adelaide, die mehr als der zurückhaltende Vater einen prägenden Einfluss auf den kleine Sohn ausübte, den sie so lange vergeblich ersehnt hatte:  Zuletzt hatte sie für seine Geburt den Bau einer prunkvollen Kirche gelobt – der Münchner Theatinerkirche nämlich.


Zu Max Emanuels 13. Geburtstag 1675 wurde die Kirche geweiht und erinnert bis heute an seine ersten Auftritte.


Die eigene Überzeugung, ein persönliches Gottesgeschenk zu sein, scheint sich auch in Bombellis Wiedergabe des kleinen Kurprinzen, der so lässig den federgeschmückten Hut in die Hüfte stützt, zu spiegeln. Überhaupt die Kleidung: Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr legte Max Emanuel die praktischen Kleidchen, die Mädchen und Jungen gleichermaßen trugen, bis sie zuverlässig sauber waren, ab. Fortan trug er Miniaturausgaben der komplizierten, vielteiligen, oft unbequemen Männerkleidung – komplett mit Rüschen, Bändern und Degen an der Seite. Gleichzeitig wurde der kleine Prinz seiner bis dato vor allem weiblichen Umgebung mit einem – sicher harten – Schlag entzogen und ab sofort einem männlichen Hofmeister und erfahrenen Höfling anvertraut, dem Marquis Henry de Beauvau.

Der sollte nicht nur die schulischen Leistungen Max Emanuels im Auge behalten, sondern vor allem auch für eine angemessene Ausbildung in allen höfischen Fertigkeiten und Tugenden achten. Was das im 17. Jh. hieß – oder heißen konnte -, davon mehr in einem der nächsten Beiträge.

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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