Rolex war gestern – Golduhr für mutige Männerherzen in der Schatzkammer…

Diskret geht anders – soviel dürfte für die meisten Betrachter feststehen, die beim Rundgang durch die Schatzkammer der Residenz vor diesem Stück verharren:
 

silbervergoldete Tischuhr, Gehäuse von Josias Belle, Paris, 1690-92, Schatzkammer der Residenz



Es ist eine reich verzierte Tischuhr, die Kurfürst Max Emanuel, unser diesjähriges Jubiläums-Geburtstagskind (350 Jahre!), einst im fernen Paris erworben und nach München gebracht hat. Eine Rechung des Pariser Juweliers und Kunsthändlers Danet vom Oktober 1698 listet eine kostbare „Pendule“ auf – und auch den stolzen Preis von 2700 Écus, also französische Goldmünzen. Die ist unsere Uhr aber auch wert:
Das kastenartige Gehäuse besteht aus massivem Silber, wirkt jedoch noch luxuriöser durch die großzügige Vergoldung. Um etwas Abwechslung in die goldgelbe Komposition zu bringen, sind Front und Seiten üppig mit Diamanten und Rubinen garniert. Besonders funkelt es vor allem im Sockelbereich, wo zahlreiche Brillanten sich zum schwungvollen Monogramm des Besitzers gruppieren, um das sich ein paar Lorbeerzweige schlingen. Der Lorbeer ist Zeichen des Sieges und tatsächlich handelt es sich bei genauer Betrachtung bei diesem so prunkvoll auftretenden Luxusobjekt gar nicht um eine Uhr, sondern ein kleines Siegerdenkmal.
 

Den Kommandostab immer in der Hand - Max Emanuel als Feldherr auf einem Pastell von Joseph Vivien, 1700, Residenzmuseum


Unter dem Zifferblatt befindet sich eine vergoldete Relieftafel, auf der in feinster, detailverliebter Modellierung und Gravierung ein wildes Getümmel zu erkennen ist: Goldene Pferdeleiber wälzen sich in elegant geschwungenen Wassermassen und auch an Reitern und Soldaten mit Federbüschen und allerlei Waffen ist auf der wenigen Zentimeter breiten Fläche kein Mangel. Was hier zu sehen ist, ist einer der Momente im Leben Max Emanuels, an die er sich vor allem in späteren Jahren wohl am liebsten erinnert hat: Den unter seinem Kommando erfolgreich durchgeführten Übergang eines kaiserlichen Heers über die Save im Jahr 1688. Diesen durch das heutige Slowenien und Kroatien strömenden Fluss galt es damals zu überqueren, bei dem Versuch, die an seiner Einmündung in die Donau gelegene Stadt Belgrad zu erobern. 1521 hatte Sultan Soliman der Prächtige sie dem expandierenden osmanischen Reich einverleibt. Kaiser Leopold I. aus dem Haus Habsburg, der (unter anderem) auch ungarischer König war, versuchte nun im Zuge seiner langwierigen Kriege mit den Osmanen, die strategisch wichtige Stadt in seinen Besitz zu bringen. Als Fürst des Reiches unterstützte Max Emanuel das kaiserliche Heer mit bayerischen Truppen und nahm als Feldherr – damals ein junger Mann von Mitte zwanzig – selbst an den Militäroperationen teil. In vielerlei Hinsicht war dies eine der erfolgreichsten Phasen seines wechselvollen Lebens – er taktierte geschickt und wohl auch mit persönlichem Mut und Einsatz: Nur auf sein vehementes Drängen und unter seiner Führung wurde die Querung des Flusses auf einer Schiffsbrücke aus 70 Booten in Angriff genommen – warteten am anderen Ufer doch die türkischen Soldaten und ihr Kommandant Jenghien Bassa. Die Aktion hätte grandios schiefgehen können, nach den militärischen Vorstellungen der Zeit hätte sie es sogar müssen. Aus strategischer Sicht peinlicherweise gelang sie aber dennoch innerhalb eines Tages – vielleicht waren die Gegner so verdutzt, dass sie ihren Vorteil nicht nutzten? Auf jeden Fall wurden sie aus ihren Stellungen vertrieben und Max Emanuel war der Held des Tages.
 

Mündung der Save in die Donau bei Belgrad


Verständlich, dass er versuchte, aus diesem Ereignis propagandistisches Kapital zu schlagen und sich seinen bis heute währenden Ruf als militärisches Naturtalent und katholischen „Türkensieger“ aufzubauen: Im sogenannten Viktoriensaal seines neues Schlosses in Schleißheim ließ er den Übergang über die Saven mit anderen militärischen Erfolgen in Gemälden riesigen Formats darstellen – natürlich mit bescheidener Beischrift: Der Siegesgöttin nach über den Fluss zu springen, das sind Schritte, wie Du, Maximilian, sie tust“. Nun ja.
 



 
Vor allem in späteren Jahren, in denen ihn das Glück über lange Stecken komplett verließ und Max Emanuel im französischen Exil leben musste, war das Wachhalten des einstigen Ruhms besonders wichtig. Und das galt genau so auch noch für die späten Jahren: 1722 ließ der alte Max Emanuel für seine goldene Prunkuhr von Johann Andreas Thelot das goldene Relief anfertigen, das seine gloriose Jugendtat in schimmerndem Goldglanz verherrlicht. Geschah es für Bewunderer, für zufällige Betrachter – oder für ihn? Wollte er vielleicht mit jedem Stundenschlag und jedem Blick auf das Zifferblatt nicht auf das unaufhaltsame Verstreichen seiner Lebenszeit erinnert werden ohne gleichzeitig die Hoffnung auf ein wenig Unsterblichkeit zu erhaschen?
 

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Residenz München » Gastbeitrag: Rundum-Sorglos-Paket – “Kurfürst Max Emanuel in Schleißheim” – Vision und Wirklichkeit

  2. Danke für den hervorragenden Beitrag, der auch ausgezeichnet geschrieben ist.
    Übrigens war ich vor kurzem in Belgrad und habe dort vergeblich nach irgendeinem Hinweis auf Max Emanuel gesucht. Ist da etwas bekannt?
    Da aber während des letzten Krieges auch viel Serbinnen und Serben in München waren, könnte eine Erinnerung da vielleicht auf fruchtbaren Boden fallen…

    • Liebe Frau Marquis,
      vielen Dank für das Lob und Ihren Hinweis. Uns ist dazu nichts bekannt. Es ist immer wieder spannend Orte aufzusuchen, die historisch faszinieren. Wenn unsere Beiträge an vergangene Besuche erinnern, freut uns dies sehr.
      Sonnige Grüße
      Ihr Redaktionsteam

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