Ein neues Stück für unsere Sammlung: Kurbayerische Bildpropaganda auf einem barocken Thesenblatt

Schmuck präsentiert sich der große Kupferstich hinter Glas in seinem eleganten Graphikrahmen aus hellem Holz. In diesem Zustand erinnert nichts mehr an die mühselige und kleinteilige Arbeit, die damit verbunden ist, ein fragiles und nicht immer als museale Kostbarkeit erachtetes Stück bedrucktes Papier aus dem 17. Jahrhundert wieder möglichst nah an sein ursprüngliches Erscheinungsbild heranzuführen.



Besonders die Randzonen waren regelrecht „angefressen“ – zahlreiche Ausbrüche des spröde gewordenen Papiers galt es zu kleben und zu begradigen, das ganze brüchige Blatt musste auf einen neuen, säurefreien Träger montiert werden, der es nicht weiter angreift.

Aber um was für eine Darstellung handelt es sich eigentlich, die der Zeichner Johann Christoph Storer und der Stecher Philipp Kilian, der Storers Zeichnung mit dem Stichel auf eine kupferne Druckplatte übertrug, stolz im Jahr 1662 am unteren Blattende signiert haben? Da ist ein wahres Gewimmel von geflügelten und geharnischten Figuren zu sehen, sowie Wappen und sieben ovale Kartuschen – gefüllt mit viel Text. Leider auf Latein, was dem heutigen Betrachter in der Regel den Weg zum Verständnis ja sicher und effektiv verbaut – wie war das noch mal? Alea jacta est? Sunt? Vidi vici?? – meistens komplett vergessen… Jedenfalls scheint die elegant frisierte und kostümierte Dame in dem kleinen Wagen oder rollenden Thron, die sich von dem kuscheligen Löwen über ihrem Kopf nicht beeindrucken lässt, die Hauptfigur zu sein.




 
Es handelt sich bei der großformatigen Darstellung, die ihrer Höhe wegen aus zwei aneinander geklebten Einzeldrucken besteht, um ein sogenanntes Thesenblatt, eine für spezielle Anlässe entwickelte Form von frühneuzeitlicher Gebrauchsgraphik: Auf diesen „Plakaten“ des 17. und 18. Jahrhunderts wurde die Disputation, also die abschließende akademische Prüfung oft adeliger (oder zumindest betuchter) Universitätsabsolventen angekündigt. Dabei galt es, die wissenschaftlichen Thesen, die der Absolvent bei dieser Gelegenheit vortragen und argumentativ verteidigen würde, kurz in lateinischer Sprache vorzustellen. Die bildliche Darstellung im Zentrum wiederum bezog sich aber weniger auf diese – meist ziemlich spitzfindigen – theologischen oder philosophischen Lehrsätze. Das Bild verherrlichte vielmehr oft einen einflussreichen Förderer, den der Prüfling für seine weitere Karriere interessieren wollte.

So wohl auch im Falle „unseres“ Blattes: Der Auftraggeber des Stichs, den man in der unteren Bildhälfte im Porträt bewundern kann, war Sebastian Mandl, Baron von Deutenhofen, der 1662 an der vom Jesuitenorden geleiteten Universität Ingolstadt (bis ins späte 18. Jh. „die“ Universität im Kurfürstentum Bayern) seine Prüfungen ablegte.




 
Schon der Vater Deutenhofen war ein viel beschäftigter Geheimer Rat am Hof Maximilians I. gewesen. Nun weisen Engelchen, die Fahnen schwingen und Wappen schleppen sowie weibliche Allegorien, die mit Kurhut und Reichsapfel – den „Amtszeichen“ der bayerischen Kurfürsten – bewaffnet sind, den Betrachter darauf hin, dass auch mit dem Sohn Sebastian ein für Kurbayern besonders geeigneter künftiger Staatsdiener in der Warteschleife steht.




 
Welch ein cleverer Kopf er war, zeigt sich vor allem daran, dass er das Blatt Henriette Adelaide von Savoyen widmete, der temperamentvollen Frau des herrschenden Kurfürsten Ferdinand Maria, die mit ihrem politischen Ehrgeiz stets bestrebt war, dem vorsichtigen Regierungsstil ihres Mannes mehr „Fahrt“ zu verleihen. Auf dem Thesenblatt wird die Kurfürstin als Göttermutter Juno verherrlicht, die Gemahlin des Jupiter, erkennbar an den beiden Pfauen, Vögel, die der Juno geweiht sind und ihren Wagen ziehen. Von allen Seiten strömt die lange Reihe der einstigen Herzöge und Kurfürsten Bayerns herbei, um Henriette-Juno als ihrer Fürstin zu huldigen – ihr und dem kleine Kind in der Wiege, die auf der Spitze des getreppten Bogens in der Mitte balanciert.




 
Es ist Henriette Adelaides Sohn Max Emanuel, der zukünftige Beherrscher Bayerns, der im Juli 1662 geboren worden war, dem Jahr, in dem Sebastian Mandl sein Thesenblatt anfertigen ließ. Dies erklärt auch den in den Wolken hingekauerten Löwen – er ist nicht nur das bayerische Wappentier, sondern auch das sommerliche Sternbild, Symbol für Mut und Kraft, das Max Emanuels Geburt astrologisch bestimmt und vor allem im August am Himmel steht, dem Monat, in dem Sebastians Disputatio stattfand.




  
Ob das ausgefeilte Kompliment an Mutter und Sohn Sebastian Mandl geholfen hat? Wir haben es nicht herausgefunden, auch nicht, ob er die Prüfung bestanden hat, oder über eine seiner lateinischen Thesen gestolpert ist. Was bleibt, ist der schöne Kupferstich – ein spannendes Beispiel für barocke Bildpropaganda, das wir im Rahmen der diesjährigen Residenzwoche erstmals unseren Besuchern präsentieren werden!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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