Als auf der Wiesn noch Gras wuchs und die Fahrgeschäfte nur ein PS hatten – Ein Oktoberfestbild aus dem Marstallmuseum

Das war es ja fast schon wieder mit der Wiesn 2012 – langsam gehen die Biervorräte zur Neige, und Hühner und Ochsen, die bisher noch nicht auf den Tellern der Festgänger gelandet sind, trauen sich zögerlich aus ihren Schlupfwinkeln. Wie jedes Jahr war es wieder ein megalomanes Spektakel, das sich statistisch nur mit einem ganzen Schwung von Nullen hinter der jeweiligen Ziffer darstellen lässt. Dabei hat alles eigentlich mal ganz bescheiden angefangen. Wie, das zeigt ein Gemälde, das im Obergeschoss des Nymphenburger Marstallmuseums zu sehen ist:


Heinrich Adam, Oktoberfest, 1823; Schloss Nymphenburg, Marstallmuseum


Von einem Blickpunkt aus, der wohl etwa auf Höhe des Sockels der Bavaria liegt, fällt der Blick über ein bereits vor 200 Jahren beachtliches Menschengewimmel. Zelte und Buden geben dem kundigen Betrachter erste Hinweise, um was es sich handeln könnte. All die Hütten und dekorierten Tribünen sehen eigentlich schon ziemlich wie heute aus, wirken nur etwas weniger robust. Fraglos musste damals nicht schon drei Monater im Voraus mit dem Bau begonnen werden… Was den Rest des beeindruckenden Panoramas angeht, so sind die meisten Münchner Türme mit denen der Frauenkirche an der Spitze bereits an ihrem heutigen Platz. Was noch fehlt, ist der Turm mit dem Löwenbräu-Löwen und die hunderte von Quadratmetern asphaltierter Fläche…

Das Gemälde von Heinrich Adam von 1824 zeigt aber gar nicht so sehr das weltgrößte Volksfest, sondern das Pferderennen, das seit dem 17. Oktober 1810 jährlich auf einer Wiese südwestlich des damaligen Münchens und in Nähe des Dorfes Sendling stattfand. Vorläufer dieser Veranstaltung war das „Scharlachrennen“ gewesen, das bis 1786 auf der Münchner Jakobidult ausgetragen wurde und seinem Namen von dem Siegerpreis ableitete, einem Stück wertvollen, rot gefärbten Stoffes (heute gibt es übrigens ein solches Scharlachrennen noch – oder besser wieder –  in Nördlingen).

Der Anlass, diesen älteren Brauch des Pferderennens in München ab 1810 wieder aufzugreifen, war die Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig, des ältesten Sohnes des ersten bayerischen Königs Max I. Joseph, mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen am 12. Oktober dieses Jahres.


Der Bräutigam auf einem J. Stieler zugeschriebenen Gemälde, ca. 1816-20


Ursprünglich hatte Ludwig statt einer Vermählung mit der ihm weitläufig verwandten, bis dato aber auch weitgehend unbekannten Sächsin eine ambitioniertere Hochzeit mit der russischen Großfürstin Katharina, Tochter des Zaren Paul I., ins Auge gefasst, ein Projekt, das dann aber nicht zustande kam. Von den grenzenlosen Weiten des russischen Zarenreichs zu der etwas bescheideneren Ausdehnung des Herzogtums Sachsen-Hildburghausen war es machtpolitisch für Bayern natürlich ein gewisser Rückschritt – die Ehe selbst scheint sich im Rahmen des für fürstliche Verbindungen Üblichen dafür aber passabel entwickelt zu haben.


... und die glückliche Braut: Therese auf einem Gemälde von H. W. Vogel von 1841 (nach Stieler)


Auf jedem Fall verdankt sich dieser Hochzeit nicht nur die Tatsache, dass heute auf der Theresien- statt der Katharinenwiese gefeiert wird – der Schauplatz erhielt den Namen zu Ehren der Braut -, sondern die Tradition des Oktoberfestes als Ganzes. Offensichtlich hatten alle soviel Spaß, dass beschlossen wurde, das Fest nun jährlich auch ohne Hochzeit zu wiederholen. Weil aber zwei Minuten Pferderennen eben doch als Programm für den ganzen Tag nicht gänzlich ausreichen, wurde das Fest im Folgejahr noch um eine Landwirtschaftsausstellung bereichert – auch heute will man ja nicht nur andauernd die Fahrgeschäfte benützen, sondern muss sich auch alternativ auf der Wiesn beschäftigen können.



Auch das weiße Zelt, unter dem sich die königlich Familie – mit Bier und Brezn? – auf der Tribüne versammelt hat, weist in Form und Farbe bereits klar in unsere Gegenwart voraus. Bloß die Pferde haben heute nach dem Einzug der Wiesn-Wirte ausgesorgt, und die Wettkämpfe haben sich ins Innere der Zelte verlagert und werden meistenteils im Sitzen ausgetragen!

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Konservator des Residenzmuseums

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    ich bin auf den blog gestossen und lese ihn von Zeit zu Zeit mit großem Vergnügen. Daher möchte ich Sie zu den Seiten beglückwünschen.
    Sehr interessant finde ich auch die Beiträge, wie in der Residenz in unseren Tagen gearbeitet wird. Davon würde ich mir mehr wünschen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Warmbein

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