Konzerte in der Residenz damals und heute, Teil 2 – das Antiquarium

Die Residenzwoche 2012 nähert sich ihrem Ende und damit auch die Reihe von Konzerten in historischem Ambiente, die jedes Jahr begleitet von Themenführungen und sonstigen Sonderveranstaltungen, in den Prunksälen des Schlosses abgehalten wird. Heute Abend aber kehrt noch einmal einer der helleren Sterne am Musikerhimmel – wenn auch nur noch im Gesang von 19 Sängerkehlen – an seine alte Wirkungsstätte zurück:


Stimmprobe vor den noch leeren Stuhlreihen


Im Antiquarium werden Werke von Orlando di Lasso aufgeführt. Der wohl um 1532 im flämischen Mons geborene Komponist wurde nach italienischen Lehr- und Wanderjahren 1556 vom bayerischen Herzog Albrecht V. nach München geholt. Unter der Herrschaft Albrechts und seines Sohnes Wilhelm V. baute Orlando die herzogliche Hofkapelle auf, die unter seiner Leitung für einige Jahrzehnte einen internationalen Ruf genoss, und schuf unzählige weltliche und geistliche Musikstücke. 1594 ist der Komponist in München gestorben und wurde auf dem Salvatorfriedhof, nahe der Residenz, beigesetzt.


Orlando di Lasso, zeitgenössischer Kupferstich von Boyvin


Das Antiquarium, der gewaltige Saalbau im Südosten des Residenzareals mit seiner reichen Renaissance-Ausstattung, ist wohl der perfekteste Ort in München, um der von Orlando komponierten Musik zu lauschen: 1568-71 ließ Albrecht V. das Gebäude errichten, das ursprünglich rundum frei neben der Neuveste lag, der Wasserburg, aus der sich seit dem späten 16. Jh. die heutige Residenz entwickelte. Mit Musik hatte das alles erstmal nichts zu tun – der Herzog wollte in der gewaltigen gewölbten Halle im Erdgeschoss seine reiche (und ziemlich neue) Antikensammlung möglichst repräsentativ aufstellen. Im Obergeschoss, in dem sich heute die sogenannten Kurfürstenzimmer befinden, wurde die ebenfalls opulente Bücherkollektion untergebracht, die Keimzelle der heutigen Staatsbibliothek, die also auch damals schon ordentlich Platz brauchte.

Erst Albrechts Sohn und Orlandos neuer Brotherr, Wilhelm V. (reg. 1579-97) entschied sich 1581, dem väterlichen Altertumsmuseum etwas mehr gegenwärtiges Leben einzuhauchen.


Wilhelm V., Gemälde von Hans v. Aachen, um 1589


Obwohl selbst sehr kunstinteressiert, ließ er erstmal die Antiken zu großen Teilen verräumen und auch die Bücher wurden später eine Hausnummer weiter in den Alten Hof transportiert. Das Antiquarium wurde nun in einen Fest- und Bankettsaal umgestaltet: Phantasievolle Groteskenmalereien – seinerzeit das Modernste, was von jenseits der Alpen nach Bayern herüberschwappte – zieren seitdem die Gewölbe, zusammen mit Abbildungen der wichtigsten Städte und Burgen in Wilhelms Herrschaftsgebiet.



Großformatige Darstellungen der zentralen – oder doch wünschenswerten – Herrschertugenden im Gewölbescheitel sollten den Betrachter wenig diskret darauf hinweisen, dass all diese guten Eigenschaften hier in der Residenz ihre Zelte aufgeschlagen hätten: Botschaft war letztlich, dass der Herzog, der hier speiste, moralisch durchaus berechtigt sei, all die gemalten Ortschaften und Burganlagen auch in der Realität zu beherrschen.

Wo aber, fragt man sich heute auf den ersten Blick, war bei soviel prunkvoller Ausstattung noch Platz für Orlando und seine musikalische Truppe? Am ehemaligen Eingang ins Antiquarium, an der östlichen Schmalseite, erhebt sich bis heute die marmorne Tribüne, von der aus Treppen in den Saal hinabführen. Auf dieser kleinen Bühne versammelte sich zu festlichen Anlässen die Münchner Hofkapelle, genau gegenüber der abgeschrankten Estrade im Westen, auf der sich einst die Fürstentafel befand und wo der Herzog sich als alleiniger Adressat all der in kunstvollen Madrigale gepackten Lobpreisungen fühlen durfte.



Störendes Geklapper von Geschirr und Besteck war übrigens nicht zu befürchten – der Herzog aß bei solchen Gelegenheiten als einziger, höchstens in Begleitung weniger hochadeliger Tafelgäste. Der Rest des Hofstaats stand, hungerte – und lauschte. Wer Lassos Werke kennt, wird vielleicht denken, dass die Höflinge bei diesen Gelegenheiten kein schlechtes Geschäft machten. Essen ist in der Residenz bis heute nicht erlaubt – aber immerhin dürfen die Besucher sitzen, wenn Sie heute Abend die Musik des großen Münchner Hofkapellmeisters am originalen Schau- (und Hör-)Platz genießen – wir wünschen viel Spaß!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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