Wo einem ein “R” für ein “E” vorgemacht wird – oder doch ein “U” – die Freude an Inventaren

Zu den spannendsten Aufgaben im Museum gehört sicher das Arbeiten mit Quellen, was in vielen Fällen dem erlaubten und wissenschaftlich geadelten Schnüffeln in fremder – toter – Leute Privatangelegenheiten ähnelt: Wann hat Herzog X dieses oder jenes Gemälde in Auftrag gegeben, was hat er seinerzeit dafür bezahlt, wo hing es – im Schlafzimmer der Gemahlin oder doch eher im Kabinett der Mätresse?
 

Eintrittskarte in die Vergangenheit oder Buch mit sieben Siegeln?



 

Es ist wie heute: Je schiefer etwas ging, umso größer ist oft die Chance, etwas darüber zu erfahren, weil im anschließenden Papierkrieg viel Tinte verbraucht wurde.

Mit zu den wichtigsten derartigen Quellensammlungen, die uns die Zeitgenossen aus der Geschichte der Residenz hinterlassen haben, gehören die historischen Inventare des Schlosses. Das älteste in der Schlösserverwaltung Verwahrte stammt aus dem Jahr 1769. Leider haben diese randvoll mit Informationen gestopften und – da immer pfleglich behandelt – oft gut erhaltenen Bände aus dem 18. und 19. Jahrhundert einen großen Schönheitsfehler, den man bis zum Aufschlagen oft verdrängt: Sie sind nicht gedruckt, sondern von Hand geschrieben. Und da beginnen die täglichen Probleme:

Da ist zum einen die Schriftart – Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein verwenden die Sekretäre und Inventarverwalter der bayerischen Herrscher die ältere sogenannte deutsche Kurrentschrift – seinerzeit allgemein geschätzt, flüssig zu schreiben mit einem Federkiel, der ständig ins Tintenfass getunkt werden muss, auch kalligraphisch sehr edel – leider sieht sie für den unvorbereiteten Blick eines heutigen Lesers aus wie die Pulsfrequenz eines Patienten mit Herzkammerflimmern: eigentlich scheint es nur einen Buchstaben zu geben – eine Art Haken, an den willkürlich Ober- und Unterstriche gehängt werden.
 

Halten wir das Buch jetzt eigentlich richtig rum?



 

Wer den Vorläufer unsere Schreibschrift, das berühmte Sütterlin-Deutsch beherrscht, wie unsere Großmütter etwa, dem fällt der Einstieg leichter – leider sind Großmütter am eigenen Arbeitsplatz in der Regel rar…

Es heißt also unter Umständen, fast wie in der erste Klasse mit Alphabettabellen und Leseübungen zu trainieren, meist so intelligente Sätze wie „So sagen lesen Rose Haus…“ – sieht in Kurrent nämlich alles gleich aus…. Aber es gibt ja nicht nur die Schriftart, da ist auch die persönliche Handschrift – so manchen seit Jahrhunderten toten Schreiberling lernt man im Lauf der Zeit richtiggehend hassen für seine Sauklaue – natürlich ist es immer er, der seinerzeit die wichtigsten Raumausstattungen beschrieben hat. Schön auch, wenn man feststellt, wann so eine Hand im Jahr 1815 müde geworden ist – so ungefähr alle 10 Seiten knicken die Buchstaben immer nach rechts weg – da war dann wohl das übliche Tagespensum erreicht. Sehr geschätzt ist auch die Angewohnheit, um Papier und Zeit zu sparen, nachträglich noch Zusätze an und über den Zeilenrand zu quetschen, klar, dass man sich dann oft auch obskurer Abkürzungen bedient, die sich noch Jahrhunderte später leicht wieder entschlüsseln lassen.

Aber aller Ärger ist vergessen, wenn man sich irgendwann mal eingelesen hat. Es ist wie mit diesen Büchern, die es in den 90ern gab – „Das Magische Auge“ – irgendwann hebt sich der Schleier und das Muster in dem Bild ist zu erkennen. Auf einmal liegt sie auf einer Doppelseite da, die vergangene Welt mit ihren Alltagsmitteilungen, die vielleicht oft deshalb so faszinierend sind, weil sie sich bei aller zeitlichen Distanz im Kern von unseren heutigen Erfahrungen häufig wenig unterscheiden. Dann fällt der Blick auf die handschriftlichen Notizen, die man macht – und beschämt bemüht man sich, die Doppel-S deutlicher zu schreiben, wer weiß, wen es einmal interessiert….

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das ist eine schöne Beschreibung eurer Arbeit. Es steckt wirklich etwas Geheimnisvolles darin! Ich bewundere das, wenn jemand mit Geduld und Eifer bei der Sache bleibt. Denn es ist wohl tatsächlich so, dass man sich Zeit nehmen muss. Diese Botschaften aus einer fernen Zeit offenbaren sich eben nicht auf einen flüchtigen Blick hin. Wie schön!!!

    • Liebe Anke,
      danke für dein Lob!
      Wenn wir Euch unseren Arbeitsalltag spannend vermitteln, freut uns das sehr. Es bestärkt uns darin, Euch weiterhin die facettenreiche museale Praxis vorzustellen. Wir begrüßen jede Rückmeldung. Es zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Also, liebe Anke, vielen herzlichen Dank für Dein schönes Feedback!
      Dein Redaktionsteam

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