Künstlerisch wertvoll frieren – historisches heizen in der Residenz

Wintereinbruch in München – Temperatursturz und Schneetreiben. Was am Wochenende draußen auf dem Land als verschneite Postkartenidylle wahrgenommen wird, bedeutet alltags vor allem verspätete Trambahnen, ständig nasse Schuhe und eine erkältungslastige feuchte Kälte, gegen die weder die Hitze noch die pappige Süße des vorweihnachtlichen Glühweins ankommen. Auch in der Residenz hat man dem Beginn der kalten Jahreszeit über Jahrhunderte hinweg eher seufzend entgegengesehen
 


Schneegestöber im Nymphenburger Schlossrondell – und über der Residenz


– nach der Heimkehr aus der Sommerfrische in Nymphenburg, Schloss Berg oder Dachau, wo nicht nur diverser Freizeitspaß lockte, sondern auch ein weniger rigides Hofzeremoniell befolgt werden musste, sahen sich Herrscher und Höfling zurück in der Residenz ganz banal der Frage ausgesetzt – wie angehen gegen diese Saukälte??

Auch heute, im segensreichen Zeitalter der Zentralheizung, kann in den hohen Räumen unseres Schlosses ein ausgesprochen frisches Lüftchen gehen. Ein Problem, dass allerdings im 17., 18. und auch noch im 19. Jahrhundert angesichts von Kamin, Ofen und teurem Brennmaterial wesentlich dringlicher war. Die sonst so gerühmte und mit aller architektonischer Raffinesse erzeugte Monumentalität der barocken Raumfolgen war in diesem Fall gegenüber der Enge bürgerlicher Winkelstübchen ein absoluter Nachteil: Die enfilade Anordnung der Räume – also der Bau von durchgehenden Zimmerfluchten mit Türen, die alle auf einer Line liegen – ergab zwar eine  stets neu beeindruckende Perspektive, sie sorgte aber auch dafür, dass die Zugluft so richtig mit Schwung auch noch den im hintersten Gemach Versammelten Bronchitis bescherte. Übrigens kein Problem der Münchner Residenz allein – vom prunkvollen Hof Ludwigs XIV. in Versailles sind bittere Klagen der zweiten Gemahlin des Königs über die ständige Zugluft und die zum Ausgleich qualmenden Kamine überliefert – verschlimmert dadurch, dass der französische Sonnenkönig ein Frischluftfanatiker war und in jedem Raum, in dem er sich aufhielt, unabhängig von Tageszeit und Außentemperatur die Fenster aufriss.

Wahrscheinlich allerdings hätte er sich in der Regel die Mühe sparen können. Die zahllosen Fenster der frühneuzeitlichen Schlösser – in München wie in Paris – waren chronisch undicht. Sie wurden im Winter meist mit Papierstreifen abgeklebt und hielten mit der Luft dann auch gleich die spärliche Wintersonne ab.

Angesichts dieser Situation wundert nicht, dass man im Lauf der Jahrhunderte findige Versuche anstellte, des Problems Herr zu werden und gleichzeitig künstlerisch überzeugende Lösungen zu präsentieren:


Ofen aus den Kurfürstenzimmern (1944/45 zerstört)


Da gibt es zum einen den klassischen Prunkofen, der, von einem Nebengemach aus befeuert, neben wohliger Wärme ein reiches Bildprogramm mit Figuren und Reliefs aus schimmernder Keramik liefert.
Was aber tun in gänzlich durchgestalteten Gemächern, in denen aufgrund der herrschenden Symmetrie der Raumdekoration kein voluminöser Ofen unterzubringen war, etwa in Cuvilliés Reichen Zimmern? Hier entschloss man sich oft zu geschickten Tarnmanövern: Das hintere Türpaar im Konferenzzimmer zu öffnen wäre sinnlos gewesen. Die Türflügel aus gebrannter Keramik fungierten als großer Kachelofen, den Diener hinter der Wand beheizten – wahrscheinlich hat mancher Höfling im Dezember gern an dem falschen Goldportal herumgelungert.


rechts zieht es durch die Enfilade, links lockt(e) aber Wärme…


Während diese Ofenkonstruktion heute nicht mehr erhalten ist, finden sich in Nymphenburg noch zwei beeindruckende Bronzeskulpturen anmutiger Göttinnen aus Bronze, die einst in der Residenz standen.



Historische Darstellungen zeigen, dass sie einst als Figurenschmuck im Salon der Königin Karoline auf stilisierten Opferaltären posierten – der Bezug zum Opferfeuer war sinnig, denn auch hier handelte es sich um getarnte Öfen.


Salon der Königin um 1806, rechts die Öfen (Aquarell Nachtmann, 1843, aus dem Wittelsbacher Album, WAF)


Ob all diese Schmuckstücke ihren Dienst gut getan haben, ist ungewiss – für das spätere 19. Jahrhundert ist jedenfalls die rigorose Aufstellung von gusseisernen Kanonenöfen in fast allen Räumen der Residenz durch die Inventare belegt – egal, ob diese mit ihren langen Rohren in dem umgebenden Rokoko-Interieur deplatziert wirkten – wovon auszugehen ist.

Noch Königin Therese, die Gemahlin Ludwigs I., beschwerte sich bitterlich über die Dauerkühle in ihren prunkvollen Räumen im neuen Königsbau in denen der König keinerlei wärmedämmenden Stoffbespannungen gestattet hatte – der baubegeisterte Monarch scheint sein Kunstideal nicht für Weichlinge konzipiert zu haben.


Trotz leuchtender Farben kühle Ausstrahlung….Thereses Salon im Königsbau


Immerhin hatte der Architekt Klenze für die Appartements ein imposantes, noch bis in diese Tage überaus modern anmutendes Warmluftheizsystem konzipiert, dessen Reste noch heute im Keller der Allerheiligenhofkirche zu besichtigen sind. Aber man weiß, wie es mit ersten Versuchen und Pilotprojekten bestellt ist: Therese musste weiterfrieren, bis Ludwig ein Erbarmen hatte und den Einbau einiger klassischer Kachelöfen erlaubte…

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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