Zwischen Stuck, Geweih und Damenporträt – die Prinzregentenwohnung in der Residenz

Auch dieser Beitrag widmet sich nochmals dem letzten Jubilar des Jahres 2012, dem Prinzregenten Luitpold. In der Residenz selbst erinnert heute nur noch vergleichsweise wenig an diesen ihren vorletzten Bewohner im eigentlichen Sinne. Das ist in gewisser Weise schade, denn Dank zeitgenössischer Photographien wissen wir ziemlich genau, wie es bei Prinzregentens aussah, oder wie man zumindest wünschte, dass es aussehen solle.

 

So unverstellt war der Blick in die Räume damals mit Sicherheit nicht….


 

Eine Büste von 1901 im Hartschiersaal zeigt den alten Herrn mit neobarocker Grandezza als eine Art marmornen Gottvater mit der Collane des Hausordens zwischen antik drapiertem Mantelfalten. Sie gibt an dieser Stelle den Hinweis darauf, dass hier die Räume beginnen, die Luitpold in seinen Prinzregentenjahren in der Residenz bewohnte. Es sind die heute so genannten Steinernen Zimmer, eine frühbarocke Raumflucht, die Maximilian I. zwischen 1612 und 1616 in dem unter seiner Herrschaft errichteten neuen Westtrakt des Schlosses als kaiserliches Gästeappartement einbauen ließ.
 

Luitpold „wacht“ über dem Eingang in seine einstigen Gemächer (Raum 103)


Wir wissen nicht, ob Luitpold der Umzug leicht gefallen ist – ursprünglich wohnte er mit seiner vielköpfigen Familie nicht in der Residenz, sondern – in Rufweite – schräg gegenüber, im Leuchtenbergpalais am Odeonsplatz, einst errichtet für seinen Tante Auguste und ihren Mann Eugène de Beauharnais. Heute hat hier das bayerische Finanzministerium seinen Sitz.

Der Sprung vom hellen, elegant-klassizistischen Dekor des im frühen 19. Jahrhundert erbauten Stadtpalais in die wuchtige Pracht der Steinzimmer mit Kamin- und Türverkleidungen aus dunkelfarbigem Stuckmarmor und schweren, gemäldegeschmückten Holzdecken muss beachtlich gewesen sein. Doch gab es nur begrenzt Alternativen: Es war wenig sinnvoll, dass Luitpold als Witwer in das weitläufige Doppelappartement seiner Eltern Ludwig I. und Therese im Königsbau einzöge – galt es doch auch, jeder Spekulation, hier würde nach der Krone geschielt und der Thronsaal schon einmal in Beschlag genommen, den Nährboden zu entziehen. Auch das im pompösen Neobarock eingerichtete, dabei aber ziemlich kleine Wohnappartement Ludwigs II. über dem Hofgarten wäre kaum eine passende Wahl gewesen – zu nah die Erinnerung an den mysteriösen Tod im See, zu sehr verbunden der exzentrische Reichtum der Ausstattung mit den kritisierten Haushaltsüberziehungen (zudem waren die Räume nur über lange Treppen zu erreichen und ihre goldstarrende Opulenz als Lebensraum vielleicht auch nur für Ludwig II. dauerhaft zu ertragen gewesen).

 

Das „Zimmer der Elemente“ diente – wie schon im frühen 17. Jh. – als Vorzimmer, damals noch ohne Geweih über dem Kamin.


 

Die Maximilianischen Räume hingegen konnten mit ihrer dunklen Schwere, dem Dreiklang von geschnitztem Holz, Steinschmuck und dunklen Wandbespannungen immerhin mit etwas gutem Willen die Titulierung als „altdeutsch“ für sich in Anspruch nehmen. Tatsächlich pflegte das Großbürgertum des entwickelten Historismus für die eigene Einrichtung ja das Wunschbild eines behäbig-beharrlichen 16. Jahrhunderts, das Albrecht Dürer, Kaiser Maximilian I., die Fugger und am besten noch alle Meistersinger von Nürnberg am eichenen Buffet versammelte. Wer es sich leisten konnte, richtete das Herrenzimmer entsprechend in wuchtiger Neorenaissance ein, und dieser Trend wird die Wahl der Steinzimmer als Wohnung des Prinzregenten wesentlich mit beeinflusst haben. Ebenso schön wie interessant ist aber, dass sich Luitpold nicht auf eine solche, hier natürlich arg verkürzte, Klischeevorstellung des biederen Landesvater reduzieren ließ.
 

Das „Zimmer der Ewigkeit“ nutzte Luitpold als sein Schreibzimmer


Die Aufnahmen dokumentieren nicht nur, dass der Prinzregent ein begeisterter Jäger war, wovon das eine oder andere schlimm platzierte Geweih von den marmornen Wänden herab kündete, sondern auch ein Liebhaber zeitgenössischer Malerei. Gewiss war er kein drängender Reformer, sondern blieb mit seinen Vorlieben auf traditionellen Pfaden mit dem einen oder anderen vorsichtigen Schritt in unbekannte Gefilde. Doch dass er die Künste mit Stipendien und Ankäufen förderte, nichts verhinderte und den Münchner Großverdienern ein Beispiel gab, wo man sein Geld auch investieren könne, unterstützte den kometenhaften Aufstieg Münchens zu einer führenden Metropole zeitgenössischer Kunst im späten 19. Jahrhundert. Die großzügig über die Steinzimmer verteilten Gemälde zeigten auf Ihren Positionen an Wänden, am Boden und auf Stühlen eindrucksvoll, dass Luitpold nicht nur Kunst sammelte, sondern auch mit ihr lebte. In der Gegenüberstellung mit den barocken Gemälden an den Decken der Steinzimmer ergaben sich spannungsvolle Kontraste, wie man sie aus modernen Ausstellungskonzepten kennt.

 


Zwischen Luitpold aus Marmor und Viviens „Max Emanuel“ in Pastell wurden Audienzen gewährt.


 
Luitpolds Sammlung hat die Residenz seit Langem verlassen. Heute präsentieren sich die Steinzimmer als großartiges Raumkunstensemble des frühen Barock. Aber manchmal bekommt man Lust, das alte Interieur als Beispiel aristokratischer Wohnkultur an der Schwelle zum 20. Jahrhundert noch einmal zu erleben…

 

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Die Einrichtung der Steinzimmer mit Mobiliar, das zwar nicht ursprünglich für diese Räume hergestellt, aber zumindest aus der gleichen Zeit und Stilstufe wie die rekonsturierte wandfeste Ausstattung stammt, soll nicht in Konkurrenz mit den Bildzeugnissen des Späthistorimus treten. Das Bildmaterial aus der Prinzregentenzeit ist aber beispielsweise im Bildband „Die Münchner Residenz, Geschichte, Zerstörung, Wiederaufbau“ pubilziert!

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