Relief runter, Vorhang rauf – Ostern kann beginnen: Barockes „Theatrum sacrum“ in der Reichen Kapelle

Passend zum Karfreitag ist unser heutiges Auftaktbild mit dem silbernen Kreuzigungsrelief gewählt: Unter dem flachen Kruzifix, an dem der vollplastische, muskulöse Christuskörper tatsächlich mit ganzem Gewicht zu hängen scheint, haben sich links die römischen Soldaten versammelt, während rechts die kummervoll zusammengebrochene Maria von ihren Gefährten versorgt wird.

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Der Schädel am Fuß des Kreuzes weist auf den Handlungsort Golgatha, die „Schädelstätte“ hin, soll nach legendarischer Überlieferung aber auch das Haupt des Urvaters Adam sein, der hier begraben wurde und auf seine Erlösung durch das vergossene Opferblut Christi wartet. Der gute Ausgang dieser Todesszene kündigt sich schon in der oberen Bildzone an, dort umkreisen Engel den von himmlischen Licht durchfluteten Zugang ins Paradies. Und um diesen Übergang geht es, denn das aus Silber gegossene und getriebene Relief des Jacob Anthoni war einst nicht nur ein bestauntes Kunstwerk, sondern Mittelpunkt eines wohlinszenierten „special effect“ des theaterfreudigen 17. Jh.
Die aus mehreren, untereinander verbundenen Einzelteilen bestehende Bildplatte befindet sich an prominenter, trotzdem schnell übersehener Stelle in der Residenz:

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Es bildet den Mittelpunkt des aus Ebenholz und Silber gefertigten Hauptaltars der Reichen Kapelle, des einstigen privaten Andachtsraum der Kurfürsten neben der – öffentlichen – Hofkapelle. Eingerichtet wurde dieser kostbare kleine Sakralraum, der mit seiner flächendeckenden Verkleidung aus echtem und Stuckmarmor wie ein kleiner Reliquienschrein wirkt, vom nimmermüden Maximilian I. 1607 konnte die Weihe stattfinden, wenn auch an der Ausstattung, die in ihrem Reichtum bereits damals absolut aufsehenerregend war, noch gearbeitet wurde. Maximilian, den man sich wohl persönlich von einer sehr energischen Religiosität erfüllt vorstellen muss, hatte sich am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs als politischer und bald auch militärischer Anführer der katholischen Reichsstände profiliert. Die prunkvolle Gestaltung des Ortes, an dem er vor Gott Rechenschaft ablegte, war insofern auch und besonders ein demonstratives Zeichen – in der bayerischen Residenz sollte der alte Glaube ein bedeutungsvolles spirituelles Zentrum haben. Dem diente auch die Bestückung der Reichen Kapelle mit dem berühmten Schatz von Reliquien der Heiligen, die Maximilian und vor ihm sein Vater in Mengen erworben, teils aus nun protestantischen Gebieten „gerettet“ hatten. Ein absolutes Glanzstück dieser Sammlung von Heiltümern war ein Ensemble von Passionsreliquien:


Heute befindet sich das kostbare Stück in der Reliquienkammer neben der Reichen Kapelle (Raum 95)

Heute befindet sich das kostbare Stück in der Reliquienkammer neben der Reichen Kapelle (Raum 95)


Ein Bruchstück der Säule, an der Jesus gegeißelt worden war, Teile eines Nagels, des Schwamms, der Dornenkrone – näher konnte man an das historische Heilsgeschehen praktisch nicht mehr gelangen. Verwahrt wurden (und werden) die Partikel in einem Behältnis aus vergoldetem Silber und Edelsteinschmuck, das konsequenterweise einer Monstranz nachgebildet war, die sonst die Hostie als Leib Christi enthält. Und hier kommt nun unser Relief ins Spiel: An hohen kirchlichen Feiertagen wurde im Verlauf der Messe das Silberrelief mit der Darstellung des Opfertodes mittels einer – noch vorhandenen – Kurbel ins Innere des Altaraufbaus versenkt. Dahinter erschien eine mit kostbarer Goldstickerei verzierte Nische. Und hier präsentierte sich den Gläubigen als Bestätigung der auf dem Relief gezeigten Erzählung der Evangelien die Monstranz mit den Passionsreliquien. Technisch keine große Sache, im Rahmen des feierlichen Messrituals jedoch zweifellos von großer, suggestiver Wirkung. Gut haben ja die jüngste Papstwahl und eine internationale Mannschaft von Kameramännern gezeigt, wie effektvoll sich bereits ein rauchender Kamin in Szene setzen lässt.


Die Reliquiennische mit der empfindlichen textilen Verkleidung ist heute deponiert

Die Reliquiennische mit der empfindlichen textilen Verkleidung ist heute deponiert


Im Zweiten Weltkrieg wurde die Reiche Kapelle schwer zerstört. Beim anschließenden Wiederaufbau wurden ringsum neue Wände und Decken eingezogen, sodass der notwendige Platz für den barocken Mechanismus heute nicht mehr zur Verfügung steht. Erhalten haben sich aber die einzelnen Bestandteile der einstigen Festinszenierung: Der Altar, die verborgene Nische und die Reliquienmonstranz.

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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