Schweiß, Blut und Tränen – trotzdem eine schöne Neuerwerbung!

Stolz präsentieren wir heute eine Neuerwerbung, die wir vor einigen Wochen auf dem Kunstmarkt für unser Museum tätigen konnten – eine sorgfältig mit Bleistift und Feder ausgeführte Federzeichnung aus dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts.


Neuankauf Saal d. Klage Vorzeichnung


Auf den ersten Blick scheint das dicht mit Figuren angefüllte Zeichnungsblatt schlimmste Vorstellungen der Geschlechterforschung zu bestätigen: Männer machen den Dreck und Frauen dürfen danach aufräumen: Allein oder in Gruppen haben mittelalterlich gewandete Damen im Wortsinne alle Hände voll zu tun, arg ramponierte Herren in zerfetzten Rüstungen zu stützen und zu päppeln, bzw. dort, wo jede Hilfe zu spät kommt, die Verblichenen fortzuschaffen. Im Hintergrund schwelen Trümmer einer romanischen Architektur. Auf einer Art Empore schluchzt ein älterer Mann mit Krone über einer aufgebahrten Frau, während rechts zwei noch aufrecht stehende Ritter die Szene mit angemessen angespannten Mienen betrachten. Zum Glück ist die ganze Szene zu wohl komponiert, die Körper zu ideal gestaltet, der Kummer zu kleidsam, um wirkliches Entsetzen angesichts von Krieg, Tod und Schmerz aufkommen zu lassen. Denn das Ziel des Künstlers ist nicht, zu erschrecken oder gar Zweifel am Sinn des edlen Waffenhandwerks aufkommen zu lassen. Angestrebt wird eine sanft elegische Stimmung von Trauer, denn bei dem kleinen Blatt handelt es sich um eine bereits weit ausgeführte Vorzeichnung für die Eingangswand des sogenannten „Saals der Klage“.


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Dieser auf drei Seiten freskierte Raum bildet den Abschluss der Nibelungensäle im Erdgeschoss des Königsbaus.
Es war Ludwig I., der den Auftrag erteilte, den neuen Wohntrakt, den der Architekt Klenze für ihn im Süden der Residenz errichtete, in einen „Bilderpalast“ zu verwandeln und mit Illustrationen zur klassisch-griechischen und deutschen Dichtung auszumalen. Den Nibelungensälen kam innerhalb dieser Planung schon früh eine Sonderrolle zu, da das mittelalterliche Heldenlied vom Verrat an Siegfried dem Drachentöter und der blutigen Rache seiner Witwe Kriemhild, die Burgunder und Hunnen in den Untergang reißt, seit seiner Wiederentdeckung im späten 18. Jahrhundert als deutsches Nationalepos aufgebaut wurde. Zu den mit Episoden aus der Sage ausgemalten Räumen sollte die Bevölkerung freien Zugang haben und sich – so in etwa stellte sich Ludwig das vor – angesichts der vergangenen Heldentaten mit patriotischen Gefühlen aufladen. So richtig ging diese Rechnung später nicht auf: Besucher und Kunstkritik spielten nicht mit, der König hatte die Wirkung seiner nationalen Bilderfibel wohl überschätzt. All das lag aber noch in weiter Ferne, als Ludwig das gewaltige Projekt der Ausmalung Julius Schnorr von Carolsfeld übertrug, der 1827 mit seinen Schülern die Freskierung in Angriff nahm.


Julius Schnorr v. Carolsfeld (1794-1872), Druckgraphik nach P. Krämer

Julius Schnorr v. Carolsfeld (1794-1872), Druckgraphik nach P. Krämer


Die Arbeiten an den vier Sälen, dem „Saal der Helden“, „der Hochzeit“, „der Rache“ und „der Klage“ sollten Jahrzehnte währen: Über Jahre hinweg zog Ludwig den wenig begeisterten Maler für andere Arbeiten ab, und dann zog Schnorr – nämlich nach Dresden – und legte viele sichere Meilen zwischen sich und seinen schwierigen königlichen Auftraggeber. Zwischenzeitlich dankte Ludwig 1848 ab, sein Sohn folgte ihm nach und starb 1864, Ludwig II. bestieg den Thron – die Nibelungensäle waren immer noch nicht vollendet. Schließlich aber fehlte nur noch der „Saal der Klage“, der eine Art Fazit unter die in den vorausgehenden Sälen gezeigten blutigen Ereignisse von Verrat, Schuld, Mord und Totschlag zieht – am Ende sind Schuldige und Unschuldige im gegenseitigen Gemetzel am Hunnenhof gefallen und auch die Drahtzieherin Kriemhild ist tot. Es bleibt das große Aufräumen. Unter den Trauernden erscheinen auch Ludwig I. und sein Enkel Ludwig II. (ziemlich rechts im gelben Gewand, bzw. daneben mit der Harfe im Arm).


An der gegenüberliegenden Wand erscheinen rechts Ludwig I. und Ludwig II. unter den Trauernden.


1867 – vier Jahrzehnte nach Beginn der Arbeiten – wurden die letzten Pinselstriche endlich getan. An den Fresken selbst arbeitete der alte, inzwischen schwer sehbehinderte Schnorr schon seit Jahren nicht mehr mit. Seine Schüler fertigten nach seinen Vorzeichnungen die Kartons, auf deren Basis die Malereien von Münchner Malern ausgeführt wurden. Zu diesen vorbereitenden Zeichnungen gehört auch unser angekauftes Blatt: Die Quadrierung – das regelmäßige eingezeichnete Gitternetz – weist darauf hin, dass es für eine maßstäbliche Vergrößerung präpariert wurde. Wahrscheinlich stammt es von der Hand des Malers Wilhelm Hauschild.

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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