Die Hofgartenarkaden: Klenze wird erstmals tätig – und dann unflätig…

Momentan verdecken Baustellen-Planen das Hofgartentor und die westlichen Arkaden, die den Odeonsplatz von der frühbarocken Gartenanlage im Norden der Residenz trennen. Auf den Gerüsten wird eifrig gearbeitet, um Außenfassaden und die metallenen Dächer zu sanieren. Obwohl man dem Klassizismus ja Zeitlosigkeit bescheinigt, gehen die Jahre eben doch nicht spurlos an den Bauten vorüber und der Handlungsbedarf ist dringend.

 

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Nicht zuletzt weil es sich beim Hofgarten mitsamt der ihn begrenzenden Architektur sicher um einen der schönsten und traditionsreichsten urbanen Räume in der Münchner Innenstadt handelt: Maximilian I. hatte ab 1613 das große Geviert auf den entfestigten Bastionen im nördlichen Vorfeld der Stadt anlegen lassen. Von Beginn an hegten Arkaden den neuen Hofgarten ein, die schon damals Fremde neugierig machten, was wohl hinter den Bögen zu sehen sei, im Unterschied zu heute jedoch vor allem Unbefugte – sprich alle außer dem Hofstaat – draußen halten sollten. Herrscher und Höflinge selbst betraten den Garten über einen ziemlich ungemütlicher Laufgang, der von der Residenz über den damals hier noch vor sich hin dümpelnden älteren Wassergraben der mittelalterlichen Befestigungen in den Arkadengang führte. Den hatte man dafür schön dekoriert und zwar mit den Kartons – also den gezeichneten Vorlagen – die Peter Candid für die kostbaren Wandteppiche angefertigt hatte, die Maximilians neue Residenz schmückten, und auf denen die Geschichte seines Ahnherrn Otto von Wittelsbach mit Pomp und Gloria dargestellt war.

 

Blick vom Dach des Hofgartentors - mittig eine der antikischen Trophäen von Franz Jakob Schwanthaler

Blick vom Dach des Hofgartentors – mittig eine der antikischen Trophäen von Franz Jakob Schwanthaler


 

Zu Beginn des 19. Jh. war von alldem nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Man beschloss, die Passage durch den Hofgarten, die die Innenstadt mit dem Vorort Lehel verband, funktionell umzugestalten: Das war die große Stunde Leos v. Klenze, des künftigen bayerischen Hof- und Stararchitekten: Er klemmte sich hinter seinen Förderer, den Kronprinzen Ludwig, machte mit der ihm ganz eigenen Rücksichtslosigkeit die pragmatischen Baupläne des Hofbauinspektors Thurn rhetorisch zu Kleinholz und ließ sich den Auftrag übergeben. Nach seinen Plänen entstanden ab 1816 das Hofgartentor und zunächst der neue – heutige – Arkadengang im Westen, der den früheren Residenzzugang in den Park ersetzte. Klenzes Freude blieb trotzdem nicht ganz ungetrübt: Während er das neue Tor, ausreichend groß für durchfahrende Kutschen, nach seinen Vorstellungen als eine Art römischen Triumphbogen gestalten konnte und mit Trophäen und Genien in Bleiguss schmückte, wünschte sich Ludwig für die Arkaden eine Ausmalung durch die Schule des nazarenischen Historienmalers Peter Cornelius. Klenze konnte Malerei am Bau – wenn überhaupt – eigentlich nur in Form dekorativer Arabesken ertragen. Cornelius dagegen sah im Architekten primär nur den Lieferanten von Wandflächen geeigneter Größe für epische Freskenzyklen.

 

Indigniert: Leo v. Klenze - mit Orden geschmückt. Litho v. I. Fertig nach A. Condex

Indigniert: Leo v. Klenze – mit Orden geschmückt. Litho v. I. Fertig nach A. Condex


 

Die beiden Herren waren schon bei verschiedenen kronprinzlichen Bauprojekten miteinander kollidiert und das kollegiale Verhältnis war nicht wirklich herzlich. Der Bauherr Ludwig aber träumte von einer Art Erneuerung der ursprünglichen Arkadendekorationen durch Candids Kartons: Erneut sollte ein Bilderzyklus die Landesgeschichte mit derjenigen des Hauses Wittelsbach zu einem erhebenden Lob der Dynastie verquicken: „Öffentliche Kunstwerke, diese wirken auf das Volk, gehen in’s Leben und gar Darstellungen aus der vaterländischen Geschichte“ begeisterte er sich und verteilte dabei gewohnt planlos seine Verben.

Dem Konzept des Freskenzyklus zufolge sollte jedem kriegerischen Ereignis aus 800 Jahren Landesgeschichte jeweils eine Friedenstat zur Seite gestellt werden und das bis in die unmittelbare Gegenwart. 1829 waren die Malereien vollendet. Klenzes Meinung war eindeutig, wurde aber anstandshalber von ihm auf Latein formuliert: „ ‚Cacatum non est pictum‘ kann man hier fast überall sagen“ – die Übersetzung bitten wir zu googlen…

 

Otto v. Wittelsbach als Retter des kaiserlichen Heeres, von E. Förster

Otto v. Wittelsbach als Retter des kaiserlichen Heeres, von E. Förster


 

Auch wenn die mehrfach übermalten, im Krieg stark zerstörten und danach nochmals erneuerten Fresken heute den ursprünglichen Zustand nur noch sehr schemenhaft wiedergeben, kann man doch sagen, dass das harte Urteil des beleidigten Architekten ungerecht ist: Der Hofgartenzyklus war ein – schon zu seiner Zeit kontrovers diskutierter – Versuch, Nation und Monarchie im 19. Jahrhundert neu zur Deckung zu bringen und ist daher noch heute historisch von größtem Interesse. Zugleich war er auch das erste Betätigungsfeld und ein Karrieresprungbrett für eine ganze, einflussreiche Generation der Münchner Historienmalerei.

Übrigens: Wer mehr über die Sanierungsarbeiten erfahren möchte oder sie gar mit Spenden unterstützen will, findet weitere Informationen unter:
http://www.schloesser.bayern.de/deutsch/spenden/spenden.htm

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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