Eine Herkulesarbeit: Kurzatmiger Löwe wird restauriert!

„Hier haben sich mal Zwei wirklich gern!“, wird mancher bei einem flüchtigen Blick auf die beiden verschlungenen (Holz-)Figuren, die zum Bestand des Residenzmuseums gehören, denken. Erst beim genaueren Hinschauen erkennt man, dass hier mit allen Kräften gerungen wird, und dass es sich eigentlich um einen Fall für den Tierschutz handelt.


Freundschaft für's Leben oder tödliche Umarmung? Herkules und der Löwe von R. A. Boos

Freundschaft für’s Leben oder tödliche Umarmung? Herkules und der Löwe von R. A. Boos


Der bärtige Mann hat seine muskelbepackten Arme um den Hals eines Löwen gelegt und den Körper der Raubkatze in die Höhe gezerrt – obwohl die Löwenpranken noch am nackten Schenkel des Koloss kratzen, ist klar, dass Leo unter der Mähne langsam die Luft ausgeht. „Was soll der Kampf?“, fragt man sich, – denn schließlich hat der Ringer bereits ein Löwenfell, dass ihm über die Schulter hängt. Allerdings klickt es angesichts dieser berühmten Tracht dann zumindest bei all denen, die als Kinder Schwabs „Mythologie des Altertums“ verschlugen habe – denn natürlich handelt es sich bei dem Löwenfellträger um den griechischen Halbgott und jähzornig-gutmütigen Kraftmeier Herakles/Herkules, der die antike Welt von allerlei pittoresken Ungeheuern befreite. Zu diesen zählte auch der Nemeische Löwe, dessen magisches Fell keine Waffe durchdringen konnte, und der deshalb im Nahkampf erwürgt werden musste.


Schweres Heldendasein: Herkulestaten von R. A. Boos, ehemals in den Hofgartenarkaden

Schweres Heldendasein: Herkulestaten von R. A. Boos, ehemals in den Hofgartenarkaden


Geschnitzt wurde die gut 2,20 Meter hohe monumentale Skulpturengruppe aus Lindenholz um 1779/81 von Roman Anton Boos. Zusammen mit sieben weiteren Darstellungen berühmter Taten des Herkules schuf er sie als Schmuck der nördlichen Hofgartenarkaden, wo die Holzskulpturen nebeneinander in Rundnischen aufgestellt wurden. Diesem, der Residenzfront gegenüberliegenden, Abschnitt der Hofgartenbebauung galt im späten 18. Jh. besondere Aufmerksamkeit, denn hier ließ der neue Kurfürst Carl Theodor (reg. 1777-1799) über dem Arkadengeschoss seine Hofgartengalerie errichten, in deren neun Sälen der größte Teil der Wittelsbacher Gemäldesammlung öffentlich ausgestellt wurde – es handelt sich bei diesem frühen Museum also um den institutionellen Vorläufer der Pinakothek.


Früher Entwurf für die neue Hofgartengalerie (München, Staatl. Graph. Sammlung)

Früher Entwurf für die neue Hofgartengalerie (München, Staatl. Graph. Sammlung)


Die Herkulesthematik passte an dieser Stelle ganz gut, denn der starke Halbgott war aufgrund seiner gewalttätigen Guttaten ein etabliertes Sinnbild für den Landesvater, der unbehelligt von jedwedem Volkswillen das Allgemeinwohl fördert. Auch hatte der griechische Held auch schon mal zeitweilig das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern getragen, warum also nicht auch die neue gemeinnützige Bildergalerie? Außerdem ersetzten Boos moderne Figuren, die stilistisch am Übergang vom Spätbarock zum Frühklassizismus stehen, an dieser Stelle einen schon etwas in die Jahre gekommenen Herkuleszyklus, der dort bereits im 17. Jh. unter Kurfürst Maximilian I. aufgestellt worden war.

In die Jahre gekommen sind zwischenzeitlich auch Boos Holzfiguren – zwei Jahrhunderte im Freien haben ihren Tribut gefordert, verheerend waren jedoch vor allem die Kriegsjahre, in denen die Figuren teils schwer beschädigt wurden.


Die nördlichen Arkaden kurz vor der Zerstörung

Die nördlichen Arkaden kurz vor der Zerstörung


Nach Wiedereröffnung des Residenzmuseums schmückten die lädierten Fragmente lange Jahre das Treppenhaus des Königsbaus, wo sie ein undankbares Schattendasein führten. Dieses Jahr haben wir aber endlich die Restaurierung dieses Zyklus, der ein wichtiges Beispiel der Münchner Bildhauerei des späten 18. Jh. darstellt, in Angriff genommen. Die abgängigen Fragmente werden wieder an die Rümpfe angefügt (wie etwa die heraushängende Zunge unseres strangulierten Löwen). Auch die Köpfe, sofern sie nicht Herkules selbst abgeschlagen hat, werden wieder neu verzapft. Die ursprüngliche Farbfassung wird wieder hergestellt und eine neue stabile Aufstellung ermöglicht. All dies ist auch eine Herkulesarbeit, aber wir denken, sie ist es wert!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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