Domino spielen im Cuvilliés-Theater: Der Hofball von 1765

Wer den heute am Brunnenhof eingerichteten Zuschauersaal aus Cuvilliés ehemaligen „Hof-Opera-Hauß“ zum ersten Mal betritt, dem verschlägt es angesichts der Pracht dieses weiß-rot-goldenen Rokoko(T)raums meist zunächst kurzfristig den Atem: Über die vier, mit geschnitzten Draperien verhängten Ränge hinweg entwickelt sich eine übergreifende Ornamentik aus bewegten Figuren und geschwungenen Rocaillen (asymmetrischen Muschelformen), die sich zu einem harmonischen und zauberhaften Ganzen fügen.


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Fast mit Befriedigung erfährt man, dass im 18. Jh. der Saal während der Aufführung nicht verdunkelt wurde und die Pracht somit im flackernden Schein der (überaus teuren) Kerzen sichtbar blieb. Dies machte in mehrfacher Hinsicht Sinn, denn bekanntermaßen kam die auf äußere Repräsentation verpflichtete Hofgesellschaft weniger ins Theater, um zu sehen, sondern vor allem, um in ihren Logen gesehen zu werden.
Wie diese gegenseitige Durchdringung von Bühnenwelt und Sphäre des Publikums idealerweise funktionieren sollte, zeigt eins der raren Bilddokumente, die Cuvilliés Theater in den ersten Jahren nach der Fertigstellung in Funktion zeigen: Es handelt sich um einen großformatigen Kupferstich, den Valerian Funck nach einer Zeichnung Ignaz Günthers um 1771/73 anfertigte und der eine Glanzstunde des kurfürstlichen Opernhauses zeigt:


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Den festlichen Hofball, der im Januar 1765 auf der Bühne in einer eigens dafür angefertigten Dekoration abgehalten wurde. Anlass war die Vermählung der Prinzessin Josepha Maria, einer Schwester des Kurfürsten Max III. Joseph (reg. 1745-1777), mit Kaiser Joseph II. Das politisch motivierte Heiratsbündnis zwischen den Häusern Wittelsbach und Habsburg, das Josepha wie Joseph zutiefst unglücklich machen sollte und in einer – selbst für die großzügigen Maßstäbe des 18. Jh. – desolaten Ehe mündete, wurde nichtsdestotrotz in München mit größter Prachtentfaltung zwei Wochen lang gefeiert. Und so versammelten sich 1765, am 14. Januar, 77 Paare, die aus der Hofgesellschaft ausgedeutet worden waren, zum feierlichen Hofball auf der Bühne des Opernhauses. Ein solcher Gala-Ball war keine amüsante Freizeitbeschäftigung, sondern eine anstrengende Veranstaltung, für die strikte Auflagen galten: Man tanzte nacheinander in strenger Reihenfolge und auch die Garderobe war vorgeschrieben: alle Teilnehmer trugen den sogenannten Domino – ursprünglich ein venezianischer Mantel, hier aber ein zweifarbiges Einheitskostüm mit Maske, wobei die Hälfte der Tänzer blau-weiß, also die bayerischen Farben trug, die andere das Gelb-Schwarz des Kaiserhauses.


von der zentralen Kurfürstenloge aus dürfte der Anblick auf die Tänzer am beeindruckendsten gewesen sein...

von der zentralen Kurfürstenloge aus dürfte der Anblick auf die Tänzer am beeindruckendsten gewesen sein…


Als Rahmen der Veranstaltung hatte Cuvilliés eine ephemere Traumarchitektur entworfen: Einen Tempel des Hochzeitsgottes Hymen inmitten eines prächtigen Gartens mit Spalier-Arkaden, vor denen mitten im Winter exotische Orangebäume in Kübeln blühten. Unter der Tempelfront prasselte eine Kaskade zwischen Springbrunnen. Ein wenig behindert wurde die Illusion durch die Reihen schimmernder Kronleuchter, die benötigt wurden, um die ganze Pracht zu beleuchten und den 154 Tänzern ordentlich einzuheizen. Dafür schwebte vom gemalten Himmel Hymen, der Gott der Ehe, selbst mit den Bewohnern des Olymps herab, um die Porträts der Jungvermählten mit der Hochzeitsfackel zu beleuchten.


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An diesem Abend stand der Hofstaat also selbst auf der Bühne, die sich aber nicht auf den Bereich zwischen den gemalten Gartenkulissen beschränkte: Für solche Momente verfügte Cuvilliés Theater nämlich über einen ausgetüftelten Mechanismus, mit dem man den Boden des Zuschauersaales auf das Niveau der Bühne anheben konnte. Das ganze Theater wandelte sich also zu einem Ballsaal mit umlaufenden Galerien, in dem Darstellen und Betrachten endgültig eins wurden. Mit 22919 Gulden war dieses Vergnügen nicht gerade preiswert, angesichts der Gesamtkosten der Hochzeitsfeierlichkeiten, die sich auf 800231 Gulden beliefen, erschien die Nutzung des erst zehn Jahre alten Theaters aber als fast schon kostengünstig!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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