Teenie-Drama in schimmernder Seide

Ein junger Mann wälzt sich leidenschaftlich zu Füßen eines hübschen Mädchens, das ihm freundlich interessiert dabei zuschaut, während die zahlreichen besten Freundinnen der jungen Damen genussvoll tuschelnd den ebenso heftigen wie öffentlichen Gefühlsausbruch kommentieren.


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Die ganze Szene scheint vor einer Art angesagten Tanzlokal oder Kellerbar zu spielen, jedenfalls wird im Hintergrund hinter steinernen Bögen unverdrossen getanzt. Es braucht nicht die Statue des geflügelten Liebesgotts am rechten Rand der Szene um zu erkennen: hier geht es Liiebe (mit langem „i“).


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Was wir in der einen oder anderen Form heute auf dem flimmernden Breitbildschirm in der nachmittäglichen Fernseh-Soap zu sehen gewohnt sind, begegnet dem Besucher der Residenz auf seinem Rundgang durch die sogenannten Hofgartenzimmer gleichfalls wandfüllend. Allerdings nicht auf dem Plasma-Monitor, sondern als kunstvoll gewirktes Textilkunstwerk aus pastellfarbigen Seiden. Es handelt sich um einen kostbaren Wandteppich, der 1762/65 auf den Webstühlen der berühmten Manufaktur Beauvais entstand. Die Bildvorlage hatte der Hofmaler des französischen Königs geliefert, Charles-Antoine Coypel (1694-1752).
Doch trotz dieser edlen Abkunft ist unser erster, profaner Eindruck so falsch nicht. Denn Coypels Inspiration wiederum speiste sich allerdings aus der literarischen „Soap“ des 17. und 18. Jahrhunderts schlechthin – dem monumentalen, verwickelten, ebenso witzigen wie phantasievollen Versepos „Orlando furioso“, dem „Rasenden Roland“ aus der Feder des Ludovico Ariosto. Dieser 1516/32 entstandene interantionale Bestseller war damals zwar schon nicht mehr ganz frisch, erfreute sich aber immer noch ungebrochener Beliebtheit quer durch die Höfe und Salons Europas. Wie es sich für einen erfolgreichen Stoff gehört, handelte es sich bereits um ein Sequel, die Fortsetzung des ebenfalls viel gelesenen „verliebten Roland“.


Coypels Signatur wurde von den Teppichwirkern auf die Tapisserie übertragen

Coypels Signatur wurde von den Teppichwirkern auf die Tapisserie übertragen


Dargestellt auf unserem Teppich ist die berühmteste – und für den Titel des Epos entscheidende – Episode des von Personen und ineinander verschachtelten Intrigen überquellenden Werks. Eine Geschichte, die im 18. Jahrhundert jeder Betrachter der Tapisserie zwischen Paris und München kannte und die eigentlich genauso gut heute spielen könnte, vielleicht in Neukölln oder sonst einem Ort, wo verschiedene Kulturen mehr oder minder heftig aufeinander stoßen: Der christliche, ziemlich gewalttätige Ritter Roland liebt schon seit dem ersten Teil die Prinzessin Angélique aus Cathai – dem Land der Ungläubigen, in dem der Autor Indien, China, Japan und etwas vorderen Orient zu einem exotischen Zauberreich zusammenbraut. Die ziemlich gewitzte „Heidin“ Angélique, die aus verwickelten Gründen durch Frankreich unterwegs ist und alle fünf Minuten entführt wird oder sonstwie hilfsbedürftig scheint, ist nicht wirklich begeistert von ihrem kreuzfahrenden Verehrer. Dennoch ist sie nach tausend Kapiteln aus Ehrgeiz geneigt, ihn zu erhören – immerhin ist er der Neffe Kaiser Karls des Großen. Da stolpert sie über den armen, aber gut aussehenden Médore, der aus ihrem eigenen Reich stammt und für den sie kurz entschlossen ihre ambitionierten Zukunftspläne opfert. Sie hält Roland geschickt hin und verschwindet in der Zwischenzeit mit Médore nach Cathai, allerdings nicht ohne vorher – ganz Mädchen – die Bäume des Waldes und die Wände der Grotte, in der sich die beiden geliebt haben, mit Liebesschwüren vollgekritzelt zu haben.


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Roland kommt Sekunden zu spät – er platzt in die Reste der Hochzeitsfeier, liest die rätselhafen Liebes-Graffiti, ahnt Schlimmes, und lässt sich von den geladenen Schäferinnen und Hirten über seine Täuschung aufklären. Vor Wut über den Coup wird er wahnsinnig und fängt an als „Furioso“ zu rasen – er läuft Amok. Der Aufgabe, seinen abhanden gekommenen Verstand wiederherzustellen, ist die zweite Hälfte des Epos gewidmet und führt Rolands Freunde schließlich bis auf den Mond und wieder zurück.
1685 hatte der Hofkomponist Ludwigs XIV., Jean-Baptiste Lully, zusammen mit seinem Librettisten Quinault aus Ariosts Eifersuchtsdrama eine galante Oper mit einer berühmten „Wahnsinns-Szene“ für die männliche Hauptfigur geschaffen. Dieses Libretto lag Coypels Entwurfsgemälden zugrunde, die dann als Teppichserie in Beauvais aufgelegt wurden und sich großer Beliebtheit erfreuten. Das Münchner Exemplar war ursprünglich, zusammen mit weiteren Stücken derselben Serie, von Herzog Christian IV. von Pfalz-Zweibrücken, der aus einer Wittelsbacher Nebenlinie stammte, angeschafft worden, der viel am französischen Hof verkehrte. Vermutlich schmückten die Tapisserien das Pariser Domizil des Herzogs, das elegante Palais Deux-Ponts. Erst an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert gelangten die kostbaren Bildteppiche, zusammen mit dem restlichen mobilen Kunstbesitz der pfälzischen Wittelsbacher, als Familienerbe nach München.


Im frühen 19. Jh. hing der Teppich in den barocken Steinzimmern, die König Max I. Joseph aus der Zweibrücker Linie des Hauses Wittelsbach als Staatsappartement nutzte.

Im frühen 19. Jh. hing der Teppich in den barocken Steinzimmern, die König Max I. Joseph aus der Zweibrücker Linie des Hauses Wittelsbach als Staatsappartement nutzte.


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Konservator des Residenzmuseums

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den Tipp mit dem Vogelservice. Im Verzeichnis der Verlassenschaft von Herzog Carl II. August erscheint eine ganze Reihe u.a. von französischen Porzellanen, die sicherlich auch nach München gekommen sind. Was da noch existiert würde mich schon brennend interessieren. Vielleicht finden sich da noch Hinweise bei der Neueinrichtung der Porzellankammern.

  2. Eine schöne Erörterung des Bildteppichs. Er gelangte in der Tat aus dem Pariser Palais Deux-Ponts 1778 nebst einer ganzen Reihe von Möbeln und Porzellanen (wohl auch das schöne Vogelservice aus Sèvres) nach Zweibrücken. Von dort kam die Garnitur aus 4 Gobelins in einen extra geschaffenen Gobelinsaal auf Schloss Carlsberg. Die dazu passende Sitzgarnitur, die in den Hofgartenzimmer teilweise steht, ist im übrigen keine französische Arbeit, sondern ist deutscher Herkunft und wurde von einem Zweibrücker Schreiner (Name muss ich mal noch nachschauen) umgearbeitet. Die Hängung in den Steinzimmern ist mir neu, ich kenne bloß die Vorkriegsaufnahmen aus den Hofgartenzimmern. Dort war der Gobelinsaal größer als auf dem Carlsberg, daher auch die Anflickungen der Zeit vor 1944. Der Billardtisch ist interessant. Er passt zur Louis-XVI-Ausstattung der Zweibrücker Erbschaft. Gibt es darüber nähere Infos?

    • Leider ist über den Billard-Tisch derzeit nichts weiter bekannt, in den Inventaren der Residenz tauchen mehrere dieser Möbel aber seit dem 18. Jh. regelmäßig auf. Das Vogelservice aus Sèvres kam übrigens aus Mannheim nach München – ursprünglich war es ein Geschenk Ludwigs XV. an Kurfürst Carl Theodor!

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