Schöne Gestalten, die einem heiß werden lassen…

Mit anmutiger Geste scheint die bronzene Gestalt eines hübschen jungen Mädchens ihrem Gegenüber eine flache goldene Weinschale anzubieten. Ihr antikisches Gewand, das schon so nicht allzu viel verbirgt, scheint wie nass an ihrem Körper zu kleben und lässt ihn praktisch nackt vor dem Zuschauer erscheinen.

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Ein zugegebenermaßen etwas fragwürdig postierter Fußschemel fungiert nicht als altrömische Stolperfalle, sondern ermöglicht das Aufsetzen des Fußes, so dass die ganze Figur im klassischen Kontrapost aus stabilem Stand- und verlagertem Spielbein arrangiert werden kann. Dargestellt ist die hübsche Göttin der Jugend, Hebe, die olympische Gemahlin des Herkules und Mundschenkin der Götter, in deren himmlischen Weinkellern der Nektar lagert, der die Unsterblichkeit verleiht. Zusammen mit einer ganz ähnlich gestalteten Pendant-Figur, der Göttin Ceres, die mit einem Ährenkranz auf ihre Rolle als Schutzherrin des Ackerbaus anspielt, verkörpert die frühklassizistische Skulptur aus dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts Fruchtbarkeit und Lebensgenuss.

Salon der Königin Karoline, Aquarell v. F.X. Nachtmann aus dem Wittelsbacher Album, Wittelsbacher Ausgleichsfonds

Salon der Königin Karoline, Aquarell v. F.X. Nachtmann aus dem Wittelsbacher Album, Wittelsbacher Ausgleichsfonds


Ein Aquarell von Franz Xaver Nachtmann aus dem sogenannten „Wittelsbacher Album“ gibt uns Auskunft über den einstigen Standort der beiden Figuren: Im frühen 19. Jahrhundert standen sie auf Podesten in Rundnischen des Salons der Königin Karoline, der Gemahlin Max I. Joseph, für die neue Gemächer an der Nordseite der Residenz eingerichtet worden waren, die dann noch mehrfach verändert und im Zweiten Weltkrieg schließlich zerstört wurden. Obwohl aber auf diesem Blatt die beiden Bronzen wie für Karolines Salon gemacht erscheinen und sich zu Seiten des Kamins perfekt in die restliche Raumgestaltung einfügen, ist sowohl ihre Herkunft als auch ihre ursprüngliche Bestimmung eine andere.
Schon die „Personalien“ geben erste Hinweise: Als Spenderinnen von Wein und Brot verwiesen Ceres und Hebe zunächst nicht so sehr auf die Königin als spendable Landesmutter, sondern allgemeiner auf ausgedehnte Tafelfreuden. Das ist auch sehr sinnvoll, denn ursprünglich diente das göttliche Duo als figürlicher Schmuck eines hochherrschaftlichen Speisezimmers. Dies befand sich allerdings nicht in Bayern, sondern im Herrschaftsgebiet der Wittelsbacher Nebenlinie von Pfalz-Zweibrücken. Hier ließ der regierende Herzog Karl-August – wenige Jahre vor Ausbruch der Revolution im benachbarten Frankreich – noch einmal einen absolutistischen Traum wahr werden: Ab 1776 ließ er einen – für seine begrenzten Mittel – gigantischen Palast errichten: das Schloss Karlsberg bei Homburg, dessen Innenausstattung in weiten Teilen durch den Maler Christian von Mannlich entworfen und von französischen Kunsthandwerkern ausgeführt wurde.

Schloss Karlsberg auf einer Radierung aus dem 18. Jh.

Schloss Karlsberg auf einer Radierung aus dem 18. Jh.


 

Speziell der Karlsberger Speisesaal dürfte in mehrfacher Hinsicht eine interessante künstlerische Aufgabe gewesen sein, denn dieser Raumtypus war um 1780 noch relativ neu – vormals hatte die Aristokratie an eigens aufgebauten Tafeln in den Vorzimmern der Appartements gespeist. Da der Speisesaal nicht  nur mit einem passenden Figurenprogramm ausgestattet, sondern auch gut geheizt werden musste, beschloss Mannlich, der davon in seinen Lebenserinnerungen berichtet, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er gestaltete die unumgänglichen Öfen in raffinierter Eleganz als zwei antike Altäre für die göttlichen Schutzherrinnen der Tafel: Das wärmende Feuer brannte hier also nebenbei sozusagen auch als frommes Dankopfer der Gesättigten am benachbarten Tisch. Eine hübsche Idee, die auch dem verschwenderischen Karl-August gefallen zu haben scheint: Während Mannlich die Altäre – also die eigentlichen Öfen – aus Eisen und die darauf postierten Götterbilder aus Ton produzieren lassen wollte, orderte der Herzog stattdessen emailliertes Kupfer und patinierte Bronze als kostbarere Materialien. Die eigentliche Gestaltung der Figuren oblag wohl dem Pariser Bildhauer François-Joseph Duret (1729-1816), um 1781 dürften Hebe und Ceres an ihrem Bestimmungsort angekommen sein. Doch verblieben sie dort nicht lange: 1793 war es mit festlichen Diners vorerst vorbei – Karlsberg, kaum vollendet, wurde von französischen Revolutionstruppen zerstört. Allerdings gelangten größere Teile des Inventars als Erbmasse von Karl-Augusts Erben und Nachfolger, seinem Bruder Max Joseph, nach München, wo dieser ab 1799 die Herrschaft antrat, zunächst als letzter Kurfürst, ab 1806 dann als erster König von Bayern. Für die Aufwertung der Münchner Residenz zu einem modern eingerichteten Königsschloss kam das luxuriöse  Karlsberger Erbe gerade recht – Hebe und Ceres präsidierten nun für einige Jahre vor gold-weißen Wänden in neuem, royalen Ambiente in Karolines repräsentativen Salon am Hofgarten.


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Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts verloren sich die Spuren des schönen Duos zunächst, schließlich wurden die Göttinnen – mittlerweile ofen- und altarlos, sonst aber wohlbehalten – 1979 in den Depots der Residenz wiederentdeckt, mit Hilfe des genannten Aquarells identifiziert und zu neuen Ehren gebracht: Heute schmücken Sie, erneut mit Blick auf eine kleine Speisetafel, das „Tapetenzimmer“ in der Porzellansammlung im Nymphenburger Marstallmuseum!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Mal wieder ein sehr schöner Bericht. Im Übrigen befanden sich die beiden Schönheiten im „kleinen Speisesaal“. Im Küchenflügel befand sich schließlich noch ein „großer Speisesaal“ mit einer annähernd 100 Plätze vereinnahmenden großen Tafel.

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