Da bleibt einem die Spucke weg – Leo von Klenze erinnert sich an Urlaube mit Ludwig I.

2014 soll in der Residenz auch immer wieder im Zeichen von Leo von Klenze stehen, dessen Todestag sich heuer am 27. Januar zum 150. Mal gejährt hat. Schließlich hat der unter den Königen Max I. Joseph und Ludwig I. als Hofarchitekt und Hofbauintendant tätige Künstler und Großorganisator die Schlossanlage, wie sie sich heute noch – und wieder – präsentiert, entscheidend geprägt.


Die Brust voller Orden - Leo v. Klenze auf einer zeitgenössischen Lithographie

Die Brust voller Orden – Leo v. Klenze auf einer zeitgenössischen Lithographie


Sei es die frisch restaurierte Fassade des Königsbaus im Süden des Residenzareals, hinter deren Rustikaquadern aus grünlichem Sandstein die freskierten Nibelungensäle und die prachtvoll eingerichtete Königswohnung liegen; sei es im Norden der monumentale Festsaalbau mit seiner Palladio abgeschauten Loggia, auch wenn sich hinter den Fenstern nicht mehr länger Ball- und Thronsaal befinden. Aber nicht nur an diesen beiden markanten Punkten hat der Klassizist Klenze dem Jahrhunderte alten Schlossbau seinen Stempel aufgedrückt, auch die ehemalige Reithalle am Marstallplatz gegenüber der Ostfassade, die Allerheiligenhofkirche, die Umbauung des Hofgartens, dazu zahllose Entwürfe für Möbel, Leuchter und Wandabwicklungen gehen auf den nimmermüden, ungemein ehrgeizigen und zugleich rücksichtslosen Architektenkünstler zurück, der 1784 bei Wolfenbüttel geboren wurde und mit dreißig Jahren 1814 den damaligen bayerischen Kronprinzen Ludwig kennenlernte. Klenzes Laufbahn und die Möglichkeiten, die sich ihm darin eröffneten, hängen untrennbar mit dieser, damals begründeten. lebenslangen Bindung an den baulustigen künftigen König zusammen, der sich mit Klenzes Hilfe einen Namen als einsichtsvoller und großdenkender Förderer von Kunst und Kultur machen wollte.


Auch auf seinem offiziellen Staatsporträt ließ sich Ludwig I. von Klenzes Architektur umgeben: Im Hintergrund ist die Walhalla bei Regensburg zu erkennen.

Auch auf seinem offiziellen Staatsporträt ließ sich Ludwig I. von Klenzes Architektur umgeben: Im Hintergrund ist die Walhalla bei Regensburg zu erkennen.


Dieser direkte Draht zum Landesvater und seiner Schatulle sollte immense Vorteile bieten und Klenze achtete peinlich und auch mit allerlei unsauberen Intrigen dafür, dass vorrangig er davon profitierte. Doch waren andererseits auch die Rücksichten, die ihm seine Rolle als Hofkünstler, der seine Kreativität im Schatten des Throns entfalten wollte, auferlegte, immens. Ludwig hatte sehr eigene, oft auch schwankende Vorstellungen von den Bauten, die er seinen Bauintendanten ausführen ließ und keinerlei Skrupel, seinen Willen gegenüber den ästhetischen und architekturtheoretischen Argumenten Klenzes mit königlicher Gleichmut durchzusetzen. Und so tobten hinter der ruhigen Gesichts-Fassade des Höflings Klenze in all den Jahren, in denen die Glyptothek, die Walhalla, die Pinakothek und die Residenzbauten langsam hinter ihren Gerüsten heranwuchsen, regelmäßig Frust und Majestätsbeleidigung, denn zumindest sehr oft hielt er seinen Förderer bestenfalls für einen begeisterungsfähigen, aber beratungsresistenten Dilettanten. Glücklicherweise bot sich dem rührigen Architekten auch hier ein Ventil, zwar nicht der Stift des Bauzeichners, aber dafür der des Memoirenschreibers: In einer Vielzahl von Bänden hielt Klenze im Laufe der Jahre in seinen sogenannten „Memorabilien“ freimütige Erinnerungen an sein künstlerisches Berufsleben fest, die zunächst für die eigenen Erben bestimmt waren und zu Lebzeiten von Klenze und Ludwig peinlichst unter Verschluss gehalten wurden. Zusammen mit dem seit kurzem mustergültig edierten Briefwechsel und Klenzes Tagebüchern stellen die Memorabilien eine einzigartige (wenn auch mit Vorsicht zu konsultierende) Quelle dar. Zugleich bilden sie ein hochgradig subjektives und gerade deshalb besonders unterhaltsames Dokument über das Verhältnis zwischen Künstler und royalem Auftraggeber im 19. Jahrhundert. Das dieses manchmal auch – leider – Allerpersönlichstes berühren konnte, zeigt die folgende Episode: Besonders detailliert etwa erinnerte sich der noch nachträglich schwer traumatisierte Klenze, wie er den Kronprinzen auf einer seiner zahlreichen Italienreisen begleitete. Der Aufenthalt im Süden diente dem verheirateten Ludwig nicht nur, die Schönheiten des römischen Altertums zu erkunden, sondern auch, in Florenz die damalige Dame seines Herzens zu besuchen, die Marchesa Marianna Florenzi.


Stielers Porträt der "schönen Marianna" aus der Nympenburger Schönheitengalerie (W.A.F.)

Stielers Porträt der „schönen Marianna“ aus der Nympenburger Schönheitengalerie (W.A.F.)


Ihr zu Ehren nun hatte Ludwig kurz zuvor seinen geliebten Schnurbart abgeschoren, weil die Dame dergleichen angeblich nicht liebte – vielleicht auch beim Kusse hinderlich fand. Auf jeden Fall war das Opfer vergeblich: Die bella donna ließ ihren blaublütigen Galan wissen, dass er ohne Bart nicht schöner geworden sei. Die Zierde musste also wieder her – und zwar pronto, bis zum nächsten Rendez-vous in Rom. Von irgendeinem unseligen Scharlatan hatte Ludwig nun erfahren, dass regelmäßiges Bestreichen der fraglichen Hautpartien mit Spucke das Haarwachstum fördern sollte. Mit noch heute spürbarem Schauder berichtet Klenze seinen zukünftigen Leser nun, wie die Reisegesellschaft in der fraglos engen und heißen Kutsche durch Italien rumpelte. Gegenüber Klenzes gebannten Augen beschmierte der Erbe des bayerischen Thrones im Minutentakt seine Oberlippe, um im Anschluss nachzuforschen, ob schon ein Bartschatten zu sehen sei, oder auf Klenzes benutztes Taschentuch zu schielen – und Rom noch in weiter Ferne…


Kronprinz Ludwig - noch (oder wieder?) mit Bart....

Kronprinz Ludwig – noch (oder wieder?) mit Bart….


Angesichts solcher Schilderungen aus dem Klein-Klein des Alltags müssen wir das privilegierte Dasein des Hofkünstlers vielleicht nicht allzu sehr beneiden: Wenn wir heute bewundernd vor der klassischen Eleganz und den harmonischen Proportionen der Klenzeschen Architektur stehen, sollten wir eher daran denken, wie hart all dies von seinem Schöpfer erkämpft wurde – vermutlich mit trockenem Mund….

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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