Zwar „nur“ Kopie – aber wie!! Die „Alexanderhochzeit“ in der Residenz

In den sogenannten „Charlottenzimmern“ der Residenz (so benannt nach einer der Töchter Max I. Josephs, die diese Räume ab 1814 einige Zeit bewohnte) hängt unter vielen Porträts des 19. Jahrhunderts ein Gemälde, das sich unter seinen Nachbarn schön, aber etwas eigenartig ausnimmt – scheint es doch als einziges der Bilder ganz eindeutig früheren Datums, nämlich aus der Renaissance zu stammen.

Die Charlottenzimmer sind heute als Stilräume mit Mobiliar der ersten Hälfte des 19. Jh. eingerichtet.

Die Charlottenzimmer sind heute als Stilräume mit Mobiliar der ersten Hälfte des 19. Jh. eingerichtet.

Dargestellt ist ein junger Mann im klassischen Profil und fürstlicher Kleidung, der sich, bewaffnet mit einer kleinen Krone in der ausgestreckten Hand, forsch einem üppigen Himmelbett nähert auf dem – augenscheinlich etwas weniger forsch – eine spärlich bekleidete junge Frau mit niedergeschlagenen Augen ihn und das Geschmeide erwartet. Rechts und links beobachten Dienerinnen und Begleiter des jungen Mannes, die auch alle mehr oder weniger auf störende Gewänder verzichten, mit wissendem Grinsen die gegenseitige Annäherung. Den Rest der Leinwand beleben kleine geflügelte Amoretten, die die dargestellte erotische Anbahnung nach Kräften mit diversem Jux voranzutreiben bestrebt sind.

Alexanderhochzeit

Was hier dargestellt ist, dürfte zumindest einer ganzen Menge gebildeter Betrachter im 19. Jahrhundert durch Kupferstiche und Reisebeschreibungen bekannt gewesen sein: Es handelt sich nämlich um die Kopie eines berühmten römischen Freskos des 16. Jahrhunderts – die „Hochzeit Alexanders des Großen mit Roxane“. Zwischen 1517 und 1519 hat es der Maler Giovanni Antonio Bazzi, genannt „Il Sodoma“ (1477-1549) im Schlafzimmer des reichen Geschäftsmanns und Bankiers Agostino Chigi in dessen neu am Tiberufer errichteten Villa gemalt – der sogenannten Villa Farnesina, an deren Ausschmückung außer Sodoma auch die Raffael-Werkstatt und andere Maler mitwirkten und die noch heute ein etwas verstecktes, aber absolutes Muss für jeden Rom-Besuch ist, der länger als drei Tage dauert.

Gartenseite der Villa Farnesina mit der Loggia, die die berühmten Raffael-Fresken birgt.

Gartenseite der Villa Farnesina mit der Loggia, die die berühmten Raffael-Fresken birgt.

Gemalt wurde die Kopie von dem Münchner Johann Michael Wittmer (1802-1880), einem den nazarenischen Kunstidealen verpflichteten Maler, der 1828 zur obligaten Italienreise aufbrach. 1832 wurde er vom Grafen Pocci dem damals auch durch Italien tourenden Kronprinzen Maximilian (II.) empfohlen und in seinem Auftrag entstand im folgenden Jahr die kleinformatige Kopie (offensichtlich hatte Maximilian auch die Farnesina besichtigt).

Die historische Roxane war eine sogdische Stammesprinzessin, die Alexander wohl 327 v. Chr. heiratete.

Die historische Roxane war eine sogdische Stammesprinzessin, die Alexander wohl 327 v. Chr. heiratete.

Vielleicht am interessantesten an unserer Kopie ist aber nicht ihr verschlungener Weg aus Italien in die Residenz, sondern dass bereits das originale Fresko selbst eine Nachahmung ist: Es handelt sich um einen der im 16. Jahrhundert beliebten Versuche, für eine humanistisch versierte Kundschaft verlorene Kunstwerke der bewunderten Antike in freier Interpretation der schriftlichen Quellen nachzuschaffen. Im Falle der „Alexanderhochzeit“ war das eine Kunstbeschreibung („Ekphrasis“) des Lukian (2. Jh. nach Chr.) über ein Gemälde des griechischen Malers Aetion, mit dem dieser in Olympia einen Preis – sinnigerweise die Hand einer jungen Dame – errang: Lukian beschreibt das Gemälde, das er noch mit eigenen Augen sah, hinsichtlich der Anordnung und Gesten der Figuren so genau, dass Sodoma über ein Jahrtausend später der Komposition nacheifern konnte. Daher sind seine Bildgestalten, wenn auch mittlerweile mit Phantasiekostümen der Renaissance versehen und in einen Raum bzw. ein Bett des 16. Jahrhunderts „verlegt“ noch heute klar zu benennen:

Der Alexanderkopf ist inspiriert von antiken Münzbildnissen

Der Alexanderkopf ist inspiriert von antiken Münzbildnissen

In der Mitte das königliche Paar, links die Dienerinnen der Roxane, rechts Alexanders Gefährte Hephaistion als – vermutlich eifersüchtiger – Brautführer und der Hochzeitsgott Hymenäus. Vor allem aber hat sich die kreative Nachahmungslust des Renaissancemalers an den kleinen Liebesgöttern ausgetobt, deren Aktivitäten Lukian beschreibt: Sie spielen mit der Rüstung des Eroberers, bringen die Braut noch einmal vorteilhaft in Stellung und albern mit den Bettvorhängen herum – die eigentliche Hochzeitsnacht scheint bei so viel Trubel noch in weiter Ferne…

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Insofern hängt in der Residenz nicht nur eine gelungene Kopie, sondern die Kopie eines Bildes, dass die Kopie selbst zum Thema und eigenständigen Kunstübung macht. Ein kleiner, feiner Kunstdiskurs, der den Bogen von Antike über Renaissance bis ins 19. Jahrhundert schlägt – alles hübsch eingepasst in vier vergoldete Leisten!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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