Blutigrote, verzweigte Symbolik – Korallenkunst in der Residenz

Blick in die Grottenhalle neben dem Antiquarium - fast wie zu Hainhofers Zeiten....

Blick in die Grottenhalle neben dem Antiquarium – fast wie zu Hainhofers Zeiten….

„Vor dem Antiquario draussen ist ain Sälin, in disem ein trog, vmbhero Bilder von Corallen, Berlenmutter, muschlen, allerlay ertz: vnd stueffen…“ – also einen kleinen, dem Antiquarium der Residenz benachbarten Saal mit einem Brunnen(-Trog), umgeben von Skulpturen und Reliefs aus Korallen, Perlmutt, Muscheln und Erzstufen hat er gesehen: Philipp Hainhofer, Augsburger Kunstsammler und –Händler, gut Freund mit dem bayerischen Herzog Wilhelm V. und seinem Sohn Maximlian I., als er 1611 den Münchner Hof besuchte. Als besondere Gunst wurde dem weitgereisten Kunstkenner ein Blick ins „Allerheiligste“ gewährt, den herzoglichen Privatgarten samt seiner beeindruckenden Ausschmückung mit Brunnen und Figuren. Heute geht das einfacher und ohne fürstliche Protektion und so haben alte „Residenzhasen“ natürlich auch bereits erkannt, was Hainhofer so fasziniert in seinem später veröffentlichen Reisebericht beschrieb: Den in den 1580er Jahren angelegten Grottenhof mit seinen damals noch zwei Loggien, die mit Fresken, Muschelwerk und Wasserspielen ausgeziert waren. Interessant ist aber, was den Besucher des frühen 17. Jahrhunderts als erstes ins Auge stach – nämlich die reiche, heute nur noch allenfalls fragmentarisch vorhandene Ausstattung des zentral in der östlichen Grottenhallte platzierten Brunnens mit Korallenzweigen. Die pittoresken, in rot- und rosa Farbtönen glänzenden Skelette der exotischen Meerestiere übten auf die europäischen Sammler der Frühen Neuzeit eine fast magische Anziehungskraft aus: scheinbar aus Stein und doch wachsend wie Pflanzen… Kein Wunder, dass es die fremdartigen und rätselhaften Gebilde hochbezahlt in die fürstlichen Kunstkammern schafften, wo im 16. und 17. Jahrhundert versucht wurde, ein Panorama der natürlichen wie der von Menschen produzierten Schöpfung(en) zu versammeln. In diesen enzyklopädischen Kollektionen wurden die Korallen den „Naturalia“ und „Exotica“ zugeordnet, also den von der Natur hervorgebrachten Kunstwerken bzw. den fremdartigen Objekten aus fernen Ländern. Vor allem aber inspirierte das an Baumkronen oder feenhafte Architekturen erinnernde Korallengezweig Goldschmiede und Kunsthandwerke zu fantasievollen Kreationen. In diese wurden die unregelmäßig geformten, als „Zinken“ bezeichneten Naturgebilde eingefügt und assoziativ umgedeutet. Zahlreiche Beispiele dieser Mode finden sich heute noch in der Schatzkammer der Residenz:

Trinkspiel mit Diana auf dem Hirschen, frühes 17. Jh., Schatzkammer der Residenz

Trinkspiel mit Diana auf dem Hirschen, frühes 17. Jh., Schatzkammer der Residenz

 

Da stürmt ein goldener Hirsch mit einem rotglänzenden Geweih daher. Dort bildet eine Koralle ein Bäumchen mit dem daran gefesselten Märtyrer Sebastian, der selbst aus einem weiteren exotischen Material geschnitzt ist – Elfenbein. Auch glaubte man, dass die Berührung mit Korallen verborgenes Gift anzeigen könne und stellte sie deshalb kostbar gefasst auf Buffet und Tafel. Manche fürstliche Sammlung war für ihren Reichtum an solchen Korallenobjekten weithin berühmt, etwa die des Habsburger Erzherzogs Ferdinand II. von Tirol, die in dessen Schloss Ambras bei Innsbruck zu besichtigen war (und immer noch ist). Aber auch die Münchner Kunstkammer konnte prunken: Wieder ist es Hainhofer, der uns die hiesige Ansammlung geschnitzter Kleinskulpturen schildert, angeordnet auf „ain tisch mit rothem, weissem und leibfarbem Corall, dergleichen zünckenm, bülder, triumpf, music wägen, dennz, wie dan uber die 100.000 Augsburger Ducaten an Corall soll in der kunstkhammer sein.“

Auch Reliquienschreine wurden mit den Gift und Böses abwehrenden Korallen besetzt, wie dieses Beispiel aus der Reliquienkammer der Residenz zeigt

Auch Reliquienschreine wurden mit den Gift und Böses abwehrenden Korallen besetzt, wie dieses Beispiel aus der Reliquienkammer der Residenz zeigt

Wahr oder übertrieben – teuer waren die rötlichen „Zinken“ allemal: Für die spektakuläre Ausstattung seines Grottenbrunnens musste Wilhelm V. eigens seine Kontakte zu den reichen Verwandten in Florenz, den Medici, und zu den genuesischen Handelshäusern bemühen, die die raren Exotica aus der Ferne nach Europa importierten. Kein Wunder also, dass sich um das fremdartige Material zahlreiche Legenden rankten, die von Künstlern, die mit den Korallen arbeiteten, aufgegriffen wurden. Der Grottenhof ist hierfür das beste Beispiel: Die zentrale Brunnenfigur zeigt den mythologischen Helden Perseus, der das Haupt des von ihm getöteten Ungeheuers Medusa emporreißt, dessen schrecklicher Anblick jedes Lebewesen versteinert.

Perseus, Residenz MünchenDer römische Schriftsteller Ovid schildert in seinen Metamorphosen – dem Buch der Verwandlungen – wie das giftige Blut der Medusa ins Meer tropfte und dort zu steinharten Korallen gerann, bzw. den dort treibenden Tang blutrot verhärtete. Gut ein halbes Jahrhundert nach Hainhofers Residenzbesuch, um 1660, hat der französische Maler Sébastien Bourdon den Moment dargestellt, in dem Perseus sich, von seinen diversen Heldentaten ermattet, die Hände wäscht, während die Nymphen des Meeres erstaunt und erfreut mit den seltsamen neuen Edelsteinen in Form blutiger Schlieren spielen. Das Gemälde, das heute in der Alten Pinakothek ausgestellt ist, wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Kurfürst Max Emanuel erworben und hing dann zunächst – passend zum Thema Wasser – in der Badenburg im Nymphenburger Schlosspark.

Kopie nach Bourdons Gemälde aus dem Miniaturenkabinett der Residenz, frühes 18. Jh.

Kopie nach Bourdons Gemälde aus dem Miniaturenkabinett der Residenz, frühes 18. Jh.

Im Grottenhof der Residenz wurde also bewusst mit diesem sagenhaften Erklärungsversuch zur Entstehung der Korallen gespielt. Hainhofers neugierig-bewundende Faszniation ist so noch heute leicht nachzufühlen: Übersprüht von feinen Wasserstrahlen und ergänzt mit schimmernden Muscheln, Bernsteinbrocken und Glassplittern müssen die Grottenbrunnen der Residenz mit ihrem Korallendekor einen überwältigenden Anblick geboten haben.

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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