Träumen und schwitzen unter Glas: Der Wintergarten Ludwigs II.

Blick auf den östlichen Teil des Wintergartens mit dem maurischen Kiosk, historische Aufnahme von J. Albert 1870/80

Blick auf den östlichen Teil des Wintergartens mit dem maurischen Kiosk, historische Aufnahme von J. Albert 1870/80

In weiten Teilen Deutschlands soll die aktuelle Hitzewelle ja im Laufe des Tages – zumindest vorläufig – enden. Zeit also, sich von der Bastmatte am sonnigen Isarstrand zu erheben und nach Plätzen zu fahnden, wo, geschützt vor Regen und Wind, der Sommer weitergehen und das Grillgut noch brutzeln kann…
Leider steht der schönste Schauplatz eines solchen ewigen August im Münchner Stadtzentrum seit vielen Jahrzehnten nicht mehr zu Verfügung. Gemeint ist der berühmte Wintergarten Ludwigs II.

Dieser erstreckte sich einst hoch über den nördlichen Dächern der Residenz am Hofgarten – ein künstliches Tropenparadies wie aus dem (wie könnte es bei Ludwig anders sein?): Märchen…

Der ab 1867 schrittweise geplante und mehrfach vergrößerte überdachte Privatgarten war zu Lebzeiten des Königs nur wenigen auserwählten Gästen zugänglich und wurde nach Ludwigs nassem Tod 1886 von seinem Onkel und Nachfolger in der Regierung, dem Prinzregenten Luitpold, nahezu sofort stillgelegt. Wohl weil ihn also nur wenige aus eigener Anschauung kannten, hat der Wintergarten unter seiner halbrunden Glastonne über dem Festsaalbau stets die Phantasie beflügelt und galt Kritikern gern als Beleg für den monarchischen Größenwahn des verewigten „Kini“. Dabei war die Idee an sich so furchtbar originell – oder nun gar verrückt – nicht: Schon Ludwigs nüchterner Vater, König Maximilian II. (reg. 1848-1864), hatte in den 1850er Jahren, gleichfalls auf den Dächern der Residenz, im Süden am Max-Joseph-Platz, einen solchen – ersten – Wintergarten unter einer innovativen Eisen-Glas-Bedachung anlegen lassen, über den wir hier vor einiger Zeit schon einmal berichtet haben (siehe Wintergarten Maximilians II)

In Raum 54 des Residenzmseums kann man sich über die königlichen Wintergärten informieren

In Raum 54 des Residenzmseums kann man sich über die königlichen Wintergärten informieren

Im Vergleich zur jüngeren Schöpfung seines Sohnes wirkte dieses königliche Refugium allerdings etwas wie ein braver Kurpark – wiewohl von einem bezaubernden, biedermeierlichen Charme erfüllt.

Auch die Vorliebe für tropische Vegetation im Wohnbereich war nicht Ausgeburt eines größenwahnsinnigen Hirns, sondern im späten 19. Jahrhundert im großbürgerlichen Ambiente üblich: Die sowieso schon mit Mobiliar und schweren Textilien überladenen Treppenhäuser, Speise- und Ballsäle waren bei festlichen Anlässen von Palmen und stark duftenden Blumenarrangements nahezu überwuchert. Und oft konnte man den berühmten Rembrandt des Gastgebers oder das Tanzorchester erst nach langem Suchen oder nach Gehör hinter üppig-grünen Farnwedeln ausfindig machen. Insofern also nichts wirklich Ungewöhnliches in der Residenz. Ausnahmestatus erlangte der Wintergarten (wie so oft bei Ludwigs Projekten) durch die unerbittliche Konsequenz, mit der dieser königliche Bauherr, Kosten, statische Bedenken und öffentliche Meinung missachtend, seine Idealvorstellung einer ersehnten und im Detail durchgestalteten Bildwelt verfolgte und ihre 1 zu 1-Umsetzung von seinen Architekten, Gärtnern und Künstlern erzwang.

Grudnriss es Wintergartens, E. Riedel, 1870/71, BSV, Graph. Slg.

Grundriss des Wintergartens, E. Riedel, 1870/71, BSV, Graph. Slg.

So entstand statt des üblichen Dachgartens mit brav umgrenzten Beeten voll empfindlicher Pflanzen eine Art gepflegter Dschungel, bei dessen Durchschreiten der königliche Flaneur an einer Reihe sorgsam inszenierter Stimmungsbilder vorbeikam. Sie waren es, die er suchte: alte Bekannte aus Büchern (seien es die Märchen aus 1001 Nacht oder Berichte europäischer Indien-Reisender) und vor allem aus der Welt des Theaters, wo opulent ausgestattete „Orient-Stücke“ wie die Opern „Oberon“, „Lakmé“ oder „Le roi de Lahore“ Erfolge feierten.

still ruht der See unter der Tonne - und riecht... Hist. Aufnahme von J. Albert, 1870/80

still ruht der See unter der Tonne – und riecht…  – Hist. Aufnahme von J. Albert, 1870/80

 

Aus Ludwigs neobarocken Königsappartement hoch über dem Odeonsplatz kommend, durchschritt man einen Laubengang, der sich – Theaterzauber! – unvermittelt zu einer weiten Landschaft öffnete, im Zentrum ein unregelmäßig geformter See (plus Brücke plus Boot plus lebendige Schwäne). An seinem Ufer standen dekorativ verteilt verschiedene begehbare Staffagebauten hinter den Palmen und Tropengewächsen: eine „indianische Hütte“, ein Prunkzelt, ein maurischer Kiosk… Hart am Eingang die obligate Grotte (plus Wasserfall plus künstlichem Mondlicht). Am Ende des Gartens erweiterte ein gemalter Theaterprospekt die künstliche Landschaft ins Unendliche: Dort grüßten die vereisten Gipfel des Himalaya ins Münchner Alpenvorland (natürlich war der Prospekt auswechselbar und unterschiedlich zu beleuchten – what else?).

Gemalter Neuntausender - leider ohne Yeti... Hist. Aufnahme v. J. Albert 1870/80

Gemalter Neuntausender – leider ohne Yeti…  – Hist. Aufnahme v. J. Albert 1870/80

Möglich wurde diese Landschaftsgestaltung durch die Konstruktion einer selbsttragenden Tonne aus Eisenrippen, die auf die Illusion störende Innenstützen verzichten konnte – auch keine absolute Neuheit, aber in dieser Größe um 1869 auf alle Fälle noch eine Innovation.
Um die ganze, ca. 80 Meter lange Anlage, für die Hofgarteninspektor Carl Efffner verantwortlich zeichnete, im Grundriss etwas gefälliger zu machen, musste vor die Fassade des angrenzenden Kaiserhofs ein Risalit angebaut werden, damit die südliche Bucht des Sees breit ausschwingen konnte! Nur bei der Anschaffung einer lebenden Gazelle und eines jungen Elefanten musste Effner schließlich leider doch passen…

Die Baustelle am Kaiserhof

Die Baustelle am Kaiserhof

Ob Ludwig dort oben orientalische Orgien gefeiert hat, wie gern und genüsslich vermutet wurde? Vermutlich hat der einsame Mann nur seine geliebten Schwäne gefüttert, am Wasserfall gelesen, im Sommer unter dem Glasdach geschwitzt und von einem für ihn unerreichbaren Indien geträumt… Mit seinem Tod erlosch auch der Traum: Der Prinzregent bezog ein Stockwerk weiter unten die westlich angrenzenden Steinzimmer, von denen eines zwar „Zimmer der Elemente“ heißt, wo aber trotzdem nicht das Wasser aus dem chronisch undichten Seebecken herabtropfen sollte. Im Weltkrieg wurden schließlich auf die Reste der berühmten Glastonne zerstört – wir müssen woanders von ewigem Sommer träumen.

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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