Freudenfeuer findet nicht statt – Barocke Festspektakel am Münchner Hof

...aber schon im 17. Jh. wurde dem Münchner Herbst-Touristen allerhand Spektakuläres geboten: Stich der Bühnendekoration der Oper "Fedra Incoronata" im Salvatortheater, 1662

…aber schon im 17. Jh. wurde dem Münchner Herbst-Touristen allerhand Spektakuläres geboten: Stich der Bühnendekoration der Oper „Fedra Incoronata“ im Salvatortheater, 1662

Wenn Petrus, den man sich hierzulande ja eh‘ als freundlichen Grantler vorstellt, mitspielt, kann der September der schönste Monat im Münchner Jahr sein: Der dann tatsächlich oft vorschriftsmäßig weißblaue Himmel strahlt mit ozongesättigter Intensität auf Menschen, Sehenswürdigkeiten und Alpenpanorama herab und die laue Luft trägt Blasmusik heran – denn das Oktoberfest beginnt mit dem festlichen Einzug der Wiesn-Wirte.

Die Kombination gutes Herbstwetter, große Feier mit reichlich Alkohol und kostümierter Umzug hat in München allerdings eine weit länger zurückreichende Tradition als die erst schlappe 205 Jahre alte Veranstaltung auf der Theresienwiese. Die „Mutter alle Spektakel“ dürfte das „churbayerische Freudenfest“ gewesen sein, das im September 1662 anlässlich der Taufe des lang erwarteten Erbprinzen Max Emanuel in und um die Residenz herum veranstaltet wurde: Die erleichterten Eltern, Kurfürst Ferdinand Maria (reg. 1651-1679) und seine Gemahlin Henriette Adelaide von Savoyen, beschlossen damals, kräftig auf den Putz zu hauen und ordentlich Geld in die Hand zu nehmen: Schließlich sollte den Untertanen und der internationalen Öffentlichkeit der Rang der Wittelsbacher, die hervorstechende Rolle Bayerns im Weltgefüge allgemein sowie besonders die strahlende Zukunft des wenige Monate alten Stammhalters plastisch vor Augen geführt werden.

Die stolze Mutter: Henriette Adelaide, kostümiert als Amazone, J. Delamonce, Residenzmuseum, Raum 68

Die stolze Mutter: Henriette Adelaide, kostümiert als Amazone, J. Delamonce, Residenzmuseum, Raum 68

Das damals schon fast klassische Medium solcher barocken Herrschaftspropaganda war das Theater, vor allem die mythologisch inspirierte Oper, in deren Handlung von Göttern und Heroen das Lob des Fürsten gesungen und mit den eigenen, aus Sage und Dichtung wohlbekannten Taten in Vergleich gesetzt wurde. Subtil war das kaum – aber bewährt und: schön! Neu allerdings, zumindest für den Münchner Hof, war der personelle, finanzielle und auch kreative Aufwand, der in diesem Falle betrieben wurde: Gleich drei solcher Theaterfeste mit Tanz, Musik, Poesie, Sport und Feuerwerk wurden durch eine gemeinsame Rahmenhandlung verbunden, die den kleinen Prinzen und seine stolzen Eltern verherrlichten. Im Mittelpunkt stand jeweils eine berühmte mythologische Frauengestalt – Phädra, Antiopa und Medea – alle eng mit der Herrschergestalt des Helden Theseus verbandelt.

Den Auftakt bildete am 24. September die Oper „Fedra Icoronata“ (Die gekrönte Phädra), die in dem erst einige Jahre zuvor errichteten ersten Münchner Opernhaus am Salvatorplatz aufgeführt wurde. Den Höflingen und Taufgästen wurde einiges an Theaterzauber geboten: Flugmaschinen und rasante Abstiege in die Unterwelt, Verwandlungen auf offener Bühne und eine Unterwasserszene.

Blick auf die - später eingebaute - Fürstenloge des Salvatortheaters

Blick auf die – später eingebaute – Fürstenloge des Salvatortheaters

Verlangt wurde allerdings auch einiges: Stundenlanges Stehen im Galakostüm in stickiger Luft, die durch hunderte von Kerzen und rauchende Ölpfannen auch nicht besser wurde. Dazu die, moderat gesprochen, verwickelte Handlung auf italienisch. Schließlich konnte aber die schöne Phädra endlich Theseus heiraten, während ihre enttäuschte Rivalin, die Amazonenkönigin Antiopa mit höchsten Trillern und langen Koloraturen Rache schwor.

Diese Rache-Arie war der Cliffhanger zur Folgeveranstaltung, dem für den 26. September angesetzten Festturnier „Antiopa Giustificata“ (Die gerechtfertigte Antiopa).

Im riesigen Turnierhaus am Hofgarten (etwa dort, wo heute das Tambosi steht) trat der Prinz Solon als Verteidiger der gekränkte Antiopa gegen Theseus im ritterlichen Wettstreit an. Die beiden Helden wurden verkörpert durch den Kurfürsten selbst (als – natürlich – Theseus) und seinen Bruder Max Philipp. Begleitet wurden sie von einem endlosen, hunderte von Leuten zählenden Festzug aus reich kostümierten Kriegern, Göttern, Ungeheuern und Sternbildern auf geschmückten Pferden und prunkvoll dekorierten Festwagen.

Festliches Aufmarschgebiet, Innenansicht des Münchner Turnierhauses

Festliches Aufmarschgebiet, Innenansicht des Münchner Turnierhauses

Weil das Turnier zwischen den beiden ritterlichen Wittelsbachern diplomatischerweise unentschieden blieb, hätte das Fest mit dieser Veranstaltung enden müssen. Zum dramaturgischen Glück sprang aber die schöne Zauberin Medea in die Bresche, die ebenfalls Händel mit Theseus auszufechten hatte und die Fortsetzung des Kampfes ankündigte.

 

Und zwar am 1. Oktober in der Feuerwerksoper „Medea vendicativa“ (Die rächende Medea). Die Planungen für dieses pyrotechnische Drama stellten den Höhepunkt der Festtrilogie dar. Es sollte auf einer auf Flößen errichteten Bühne auf der Isar stattfinden. Die Intrigen Medeas ließen erneut zahlreiche prominente Figuren der klassischen Mythologie in Liebe und Hass auf der Bühne aufeinandertreffen: Szenen in der Unterwelt und der von Jupiters Blitz entzündete Sonnenwagen sollten erste effektvolle Feuerwerksdarbietungen ermöglichen. Den Höhepunkt bildete die von Medea angezettelte, kunstvolle Feuerschlacht zwischen Titanen, Höllengeistern und Göttern auf Booten, die mit Raketen beladen waren. Unter einem strahlenden Triumphbogen mit dem bayerischen Kurlöwen setzt am Ende die Siegesgöttin Medeas Zauberschloss in Brand.

Ein feucht-heißes Finale: Stich der letzten Szene der Oper "Medea vendicativa" von 1662

Ein feucht-heißes Finale: Stich der letzten Szene der Oper „Medea vendicativa“ von 1662

Schön gedacht – leider fiel die Veranstaltung im Wortsinne ins Wasser: Es regnete in Strömen und bevor die Feuerwerksknaller nicht zündeten, verlegte man die Aufführung kurzerhand ins Salvator-Theater. Trotzdem sollen die hohen Gäste entzückt gewesen sein, vermutlich auch, weil ihnen die Bude nicht über den Köpfen abgebrannt war… Für die Nachwelt jedenfalls wurde ein Festbericht ohne Pannen und vergessenen (Lobes)Text produziert und mit wunderschönen Kupferstichen versehen. Sie überliefern noch heute ein fernes Echo der ephemeren Pracht – und ein Feuerwerk, das in einer lauen Nacht auf der Isar leuchtet…

 

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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