„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ – Loreleys Schwester im Hofgarten

Schwanthalers Nymphe im HofgartenKlick! Mit einem metallischen Schlag stößt eine silbern glänzende Boule-Kugel eine andere ein Stück fort, und nach den ewigen Gesetzen des französischen Kugelspiels, die den Außenstehenden stets so mysteriös bleiben wie die Regeln des nur wenig dynamischeren Krickets, hebt das Geraune und der Disput der konkurrierenden Werfer an: Kurz – im Hofgarten nördlich der Residenz hat die Sommersaison begonnen!
Eine allerdings bleibt von der Aufregung des Spiels unberührt – es ist die schöne Nymphe des Gartens, ein mythisch-mystisches Wassergeschöpf, das grünlich schimmernd auf dem kleinen Brunnen vor den westlichen Arkadenbögen thront.

Nymphe im HofgartenVoll Eleganz, das Kinn auf die Hand gestützt, sitzt sie im Schatten der Bäume auf einem zerklüfteten Fels, den zum Glück der feuchte Mantel, der die zierlichen Nymphenbeine bedeckt, etwas abpolstert. In ihrer Pose scheint die geheimnisvolle Schönheit die von jedem Germanistikstudenten peinvoll erinnerte Denkhaltung des mittelalterlichen Minnesängers und Spruchdichters Walther von der Vogelweide zu kopieren: „Ich saz ûf eime steine,/und dahte bein mit beine,/dar ûf satzt ich den Ellenbogen;/ ich hete in mîne hant gesmogen/ daz kinne und ein mîn wange“. Und tatsächlich ist die Nymphe – wie Walther – der Sangeskunst ergeben: Links stützt sie sich auf ihre Harfe, die ziemlich rockig aus Korallenzweigen und Muscheln rustikal zusammengefügt ist. Und auch an potentiellen Zuhörern ihrer Lieder, so sie denn beschließt, in die Saiten zu greifen, fehlt es nicht: Zu ihren Füßen hebt sich ein großer Fisch aus den Fluten, die den Fels umspülen, und blickt wie ein glitschiges Schoßtier aus bronzenen Augen anbetend zu seinem nachdenklichen Frauchen auf.

L. Schwanthaler, Graphik von J. Bergmann, 1839

L. Schwanthaler – auch er in „Nymphenhaltung“ !, Graphik von J. Bergmann, 1839

Vater der geheimnisvollen Wasserfrau ist der Münchner Bildhauer Ludwig Michael Schwanthaler (1802-1848), berühmtes Mitglied einer ganzen Künstlerdynastie, die vom 17.-19. Jh. die Kirchen, Klöster und Schlösser Bayerns mit ihren Werken bereicherte. Ludwig steht hier an vorderster Front, erfreute er sich doch der besonderen Wertschätzung des nimmermüden Sammlers und Bauherrn Ludwig I. (reg. 1825-1848), für dessen zahllose Projekte er praktisch sein ganzes – kurzes – Künstlerleben tätig war: Zu den Werken, die er im Auftrag des zweiten bayerischen Königs, oft vermittelt durch dessen favorisierten Architekten Klenze, schuf, gehören unter anderem Skulpturen und Reliefs für die Walhalla bei Regensburg, die Glyptothek und die Propyläen am Münchner Königsplatz, die Alte Pinakothek oder den Königsbau der Residenz sowie die monumentale Bavaria an der Theresienwiese. Auch der dem Nymphenbrunnen gegenüberliegende Festsaalbau am Hofgarten war bis zu seiner Zerstörung ein wahres Schwanthaler-Refugium, wovon heute noch die von ihm entworfenen Allegorien der ehemaligen bayerischen Regierungskreise auf dem Dach der zentralen Loggia künden.

Seine Nymphe allerdings schuf Schwanthaler nicht in Ludwigs Auftrag, sondern ab 1841 in dem des Grafen Alois von Arco-Steppenberg (1808-1891), der sie in einem eigens hierfür eingerichteten Saal in seinem Schloss Anif bei Salzburg aufzustellen gedachte. Die Münchner Bronzeplastik ist eine in Details abgewandelte Kopie dieser originalen, in Marmor gearbeiteten Figur.

Schloss Anif, Stahlstich von J. Fischbach, 1852

Schloss Anif, Stahlstich von J. Fischbach, 1852

Der Graf, „fast“ ein Verwandter der Wittelsbacher, da seine Mutter die verwitwete bayerische Kurfürstin Maria Leopoldine von Österreich-Este (1776–1848) war, die in zweiter Ehe den Grafen Arco geheiratet hatte, ließ das von ihm gekaufte kleine Schloss ab 1838 im Geiste von Romantik und Historismus in neugotischem Stil umbauen. Mit Türmchen, Zinnen und einem offenen Arkadengang der den Blick über den großen Weiher ermöglichte, bildete das neue „alte“ Anif eine perfekte Kulisse für die ritterselige Mittelalterbegeisterung des 19. Jh. und den Genuss Eichendorff’scher Naturlyrik – komplett mit Waldesnacht und Vollmond über der perfekt in die Landschaft eingebetteten, atmosphärischen Architektur.

 

schön aber gefährlich! Marylin Monroe als männermordende "Loreley Lee" in "Blondinen bevorzugt" von 1953

Schön, aber gefährlich! Marylin Monroe als männermordende „Loreley Lee“ in „Blondinen bevorzugt“ von 1953

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Ein solches poetisch überhöhtes Naturbild der Spätromantik verkörperte auch Schwanthalers schwermütige Nymphe in idealer Weise, so dass die Figur zum personifizierten Geist des Ortes selbst werden konnte – schön aber auch ambivalent, wie die ganze Kunst und Literatur der Epoche: Unter der schweren Krone des offenen Haars bleibt der Wassergeist für sich, er lockt den Betrachter mit dem nackten glatten Nixenkörper und hält ihn doch fern – und die Gefahr ist nicht weit! Nicht nur dem Fisch der Nymphe hat Schwanthaler einen schlangenhaften „Look“ verliehen: Wer der Schönheit zu nahe kommt, wird merken, wie stahlhart ihr Griff ist, wenn er auf einmal unter Wasser gezogen wird! Wie ihre Schwester, die von Heyne besungene Loreley, plant auch Schwanthalers Nymphe mit ihrem Lied wohl primär, Lauscher in die tödlichen Klippen zu locken – emotionaler oder tatsächlicher Schiffbruch inklusive!

Klar, dass ein solches doppelbödiges Kunstwerk gut beim Publikum ankam. Und deshalb wurden von Schwanthalers Anifer Erfolgsmodell auch verschiedene Fassungen mit leichten Abwandlungen im Detail angefertigt. Die schönste – 1847 wie das Original aus Marmor gehauen –  befindet sich heute im Bayerischen Nationalmuseum.

Die "helle Seite" unsere Nymphe im BNM

Die „helle Seite“ der Nymphe im BNM

... und die dunkle, die unter ihrem Brunnenfelsen ám Hofgarten lauert!

… und die dunkle, die unter ihrem Brunnenfelsen im Hofgarten lauert!

Zudem wurde 1852 von der königlichen Erzgießerei ein Bronzeguss hergestellt, der für den Brunnen an der Residenz bestimmt war. Dort sitzt unsere Nymphe noch heute als Geist des sie umgebenden Gartens. Still lächelnd sinnt sie hier über den bedrohlichen Fratzen der vier dämonischen Wasserspeier. Sie lauscht dem melodischen Geplätscher ihrer Quelle und wartet darauf, dass die Boule-Spieler sich von ihrer geheimnisvollen Aura ablenken lassen und einen, nur einen ! – verhängnisvollen – Fehler begehen…

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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