Wer liegt denn da? Alte Residenz-Bekannte auf dem Südlichen Friedhof

Südfriedhof MünchenAn einem Spätsommernachmittag, wenn die Sonnenstrahlen schon schräg einfallen und sich das Licht unter dem dichten Blätterdach golden-grünlich färbt, entfaltet der alte Südfriedhof zwischen Thalkirchner und Pestalozzistraße einen ganz besonderen – und gar nicht morbiden – Charme.
Das war nicht immer so:

1563 wurde die Begräbnisstätte ursprünglich als „Pestfriedhof“ mit Bedacht außerhalb der Stadt jenseits des in Richtung des Dorfes Sendling führenden Stadttors angelegt. Weniger aufgrund der (schließlich doch besiegten) Seuche, sondern  wegen seiner abseitigen Lage wurde es dann dort richtig voll ab Ende des 18. Jh.: 1788 befahl Kurfürst Karl Theodor (reg. 1777-1799) gemäß den modernen hygienischen Erkenntnissen (und gegen den breiten Widerstand der Stadtbevölkerung), alle innerstädtischen Friedhöfe zu schließen und die bereits Bestatteten an die südliche Peripherie zu verlegen. Für die ca. 80 nächsten Jahre fungierte der Südfriedhof als zentrale Münchner Beerdigungsstätte. Und so ist es nur natürlich, dass sich demjenigen, der heute entspannt zwischen Joggern und Leseratten auf den schattigen Spazierwegen zwischen Kreuzen und Grüften schlendert, allerlei bekannte Namen auf Grabsteinen und Gedenksäulen begegnen.
Viele dieser jetzt stillen Dauergäste haben zur ihrer Zeit mehr oder minder lautstark und aktiv an der Geschichte der Residenz mitgeschrieben: Nur eine kleine Auswahl, an deren Ruhestätte man in einer kleinen Viertelstunde vorbeizieht, stellen wir hier vor, wobei wir uns heute auf die Künstler beschränken, und die Mächtigen und Politiker zwar nicht links, aber in ihren Prunkgräbern und Grüften liegen lassen:

Roman Anton Boos - GrabmalGleich am Eingang zum älteren Teil des Friedhofs grüßt die Büste des Bildhauers Roman Anton Boos (1733-1810) halb im Gebüsch versteckt die Eintretenden: Viele seiner eindrucksvollen Figuren, die barockes Pathos mit frühklassizistischer Monumentalität verbinden, sind bis heute in den bayerischen Kirchen zu finden. Für die Residenz schuf Boos eine Serie kraftvoller Herkulesfiguren aus Holz, die einst in den Arkaden des Hofgartens aus ihren Gegnern – nun ja: Kleinholz machten und derzeit aufwendig restauriert werden.

Leo von Klenze - GrabmalAm anderen Ende des Friedhofs blickt von hoher Säule Leo von Klenze (1784-1864), der Stararchitekt Ludwigs I. (reg. 1826-1848), majestätisch über die letzten Behausungen seiner Zeitgenossen hinweg – ein Charakterzug der ihn laut den unfreundlichen Aussagen seiner zahlreichen Gegner schon zu Lebzeiten auszeichnete. Die Residenz verdankt dem Bewunderer griechischer Kunst den Königs- und den Festsaalbau, die Allerheiligenhofkirche, die Umbauung des Hofgartens und die östlich gelegene Reithalle. Das überall dort mit Leidenschaft verwendete Lieblingsornament Klenzes, die elegant geschwungene, stilisiert-organische Form der Palmette, ziert auch sein Grabmal.

Friedrich von Gärtner - GrabmalFast unmittelbar daneben blickt unter der versöhnlichen Figur eines auferstandenen Christus Klenzes Intimfeind, der Architekt Friedrich von Gärtner (1791-1847) etwas missmutig zur Seite: Lange Zeit von Klenze an den Rand gedrängt, errang Gärtner später doch die wechselhafte Gunst Ludwigs I. und errichtete unter anderem die repräsentativen Bauten der unteren Ludwigsstraße. Für die Residenz ist er vor allem als Architekt der benachbarten Feldherrnhalle wie als Leiter der Nymphenburger Porzellanmanufaktur bedeutsam. Unter seiner Leitung entstanden dort die heute in der bedeutenden Porzellansammlung des Museums vereinigten Prunkservice aus der ersten Hälfte des 19. Jh. (übrigens war Gärtner auch für die bauliche Erweiterung des Südfriedhofs ab 1842 verantwortlich: Wie man sich bettet, so liegt man!)

Ludwig Schwanthaler - GrabmalGleichfalls nur ein paar Schritte entfernt findet sich das aufwendige Gedenkmal des jung verstorbenen Bildhauers Ludwig Schwanthaler (1802-1848): Die klassische Form der Büste und die gotischen Verzierungen der Grabnische verweisen schon auf Schwanthalers Skulpturen, die im klassizistischen Gewand daherkommen, dabei aber von einem romantischen Geist beseelt sind. Von seinen Ausstattungsarbeiten für den Königsbau Ludwigs I. haben sich leider nur Reste erhalten, aber die monumentalen Bronzestatuen der Wittelsbacher aus dem 1944 zerstörten Thronsaal des Festsaalbaus und die geheimnisvolle Nymphe im westlichen Teil des Hofgartens erinnern in der Residenz noch heute an ihn.

Michael Echter - GrabmalSchräg gegenüber und etwas versteckt liegt der Maler Michael Echter (1812-1879), der in zahlreichen öffentlichen Gebäuden Münchens den Pinsel geschwungen hat: In der Residenz schuf er 1865/66 in Rekordzeit den „Nibelungengang“. Dieser mit dreißig Darstellungen aus Richard Wagners Ring-Tetralogie dekorierter Korridor im westlichen Attikageschoss der Residenz führte bis zu seiner Zerstörung 1944 zum prunkvollen Appartement Ludwigs II. hoch über dem Odeonsplatz.

Carl v. Effner - GrabmalGleichfalls für Ludwig tätig war der etwas weiter entfernt bestattete Hofgärtendirektor Carl von Effner (1831-1884), dessen Urgroßvater Joseph Effner (1687–1745) bereits als Architekt in großem Stile für die Kurfürsten Max Emanuel und Karl Albrecht tätig gewesen war. Die rekonstruierten Anlagen vor dem Festsaalbau erinnern heute noch daran, dass Carl unter anderem für den Hofgarten verantwortlich war. Von einem seiner besonderen Meisterstücke – der tropischen Bepflanzung des legendären Wintergartens Ludwigs II. auf den Dächern der Residenz – sind heute leider nur noch ein paar historische Fotos zu bewundern….

Die Sonne sinkt, es wird kühler, irgendwann beginnt dann auch mal die Geisterstunde, so dass wir unsere Besichtigungstour hier für heute abbrechen – obwohl noch viele Bekannte aus der Residenz mit ihrer Geschichte hier auf uns warten!

Schauder....

Schauder….

 

P.S.: Mehr Infos zum Südfriedhof gibt es z. B. unter: http://www.muenchen.de/sehenswuerdigkeiten/orte/120250.html

 

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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