Jung gebliebene Göttin verlässt alt-angestammten Platz – Die Venus des Antonio Canova

„Aphrodite die schöne, die züchtige, will ich besingen,/Sie mit dem goldenen Kranz, die der meerumfloßenen Kypros/ Zinnen beherrscht, wohin sie des Zephyros schwellender Windhauch/ Sanft hintrug auf der Woge des vielaufrauschenden Meeres,/ Im weichflockigen Schaum; und die Horen mit Golddiademen/ Nahmen mit Freuden sie auf, und thaten ihr göttliche Kleider/An…“
so wohlklingend übersetzt Konrad Schwenck (1793-1864) das hymnische Lob, das Homer der Göttin der Liebe und Schönheit entgegenbringt: der schaumgeborenen Aphrodite, die die Römer später mit der von ihnen verehrten Venus gleichsetzten, und die dem griechischen Sänger – da blind und so von keinem irdischen Vorbild abgelenkt – besonders lebhaft vor dem inneren Dichterauge vorgeschwebt haben muss!
Es scheint fast, als ob Antonio Canova (1757-1822), der berühmteste klassizistische Bildhauer Italiens, der im frühen 19. Jahrhundert Päpste, Kaiser und Könige mit seinen hoch begehrten Skulpturen erfreute, diese Zeilen gelesen hätte, unmittelbar bevor er sich an den Entwurf „seiner“ Liebesgöttin machte, die heute ihre unsterblichen Reize in der Residenz entfaltet.

schön…

Ausgesprochen schönlinig und grazil, mit sehr langen Beinen und wohlgeformten Busen blickt Venus/Aphrodite unter einer komplizierten Löckchenfrisur scheinbar scheu zur Seite und präsentiert dem Betrachter ihr sehr reines Profil mit einer fast unfassbar geraden Nase, die so zierlich gemeißelt ist, das man hier wirklich einmal von einem „Näschen“ sprechen muss.

…von allen Seiten…

Ob es tatsächlich die Horen, die verkörperten Jahreszeiten, sind, die Venus das Schleiergewand gereicht haben, das sie sanft an ihren sonst noch nackten Körper presst? Auf jeden Fall scheint sie wirklich von einem Meeresbad an den Strand der ihr geweihten Insel Zypern zurückzukehren – das kleine „Beauty case“ zu ihren Füßen verweist auf die verführerische Körperpflege als Kernkompetenz der mythologischen Schönheitskönigin. Der sehr fein bearbeitete, stellenweise auf Glanz polierte Marmor, in dessen obere Schichten das Licht einzudringen vermag, erweckt den verblüffenden Eindruck jugendlich glatter, sanft schimmernder Haut.

Ihren besonderen Pfiff zieht die Venus aus dem erotischen Spiel von Zeigen und Verhüllen – der Präsentation weiblicher Reize, wie es der Schutzherrin der sinnlichen Liebe wohl ansteht, und der gleichzeitigen schamhaften Abwendung vom Betrachter, der sich so in der eigenartigen Rolle eines Kunst-Voyeurs wiederfindet (und also erst recht in die „Venusfalle“ getappt ist). Canovas Skulptur variiert so den älteren Typus der „Venus pudica“, der „keuschen Venus“, wie er auch sonst vielfach, etwa bei Sandro Botticelli, auftaucht.

Dank Kupferstichen, Kopien aus Gips, Stein und Bronze etc. war die Venus Medici Kunstfreunden europaweit ein fester Begriff

Aber nicht nur Begeisterung für zeitlose Frauenschönheit, auch die seinerzeitige Tagespolitik spielte eine Rolle bei der Geburt der Canova-Venus: 1802 verbrachten die siegreichen Truppen Napoleons, damals noch erster Konsul der französischen Republik, Hauptwerke der antiken Kunst aus den italienischen Sammlungen nach Frankreich, wo sie in den Bestand des neuen Louvre-Museums integriert wurden. Neben Berühmtheiten wie dem Laokoon aus dem päpstlichen Belvedere gehörte dazu auch die ähnlich gefeierte „Venus Medici“. Die hellenistische Figur aus dem ersten Jahrhundert galt seit ihrer Entdeckung mit ihren für heutige Augen appetitlich-üppigen Rundungen als Paradebeispiel des antiken Frauenideals, und stellte als solches seit 1677 ein Hauptwerk der Florentiner Uffizien dar. Schon 1803 wurde deshalb der international bewunderte Canova beauftragt, eine freie Kopie dieses verlorenen Schatzes anzufertigen, die als „Venus italica“ als Symbol der Identifikation und Selbstvergewisserung für die beraubten Italiener fungieren sollte.

Nach dem Modellgips dieser ursprünglich für Florenz entworfenen Figur schuf Canova ab 1805 eine weitere Ausführung (die letztendlich sogar vor der florentinischen Fassung fertiggestellt wurde) für den Münchner Hof, der – wie eigentlich alle Höfe der Epoche – nach Canovas prestigeträchtigen Skulpturen gierte: Kronprinz Ludwig (I.), sein Vater Max I. Joseph und seine Stiefmutter Caroline von Baden, sonst in Kunstfragen oft gegensätzlicher Meinung, waren sich in ihrer Bewunderung für den italienischen Meister einig.

historische Aufnahme der Venus am Fuße der Gelben Treppe

Bestellt vom Sohn und bezahlt vom Vater wurde die 1809 vollendete Skulptur 1812 nach München verschickt und in der Folge an wechselnden Orten in der Residenz und Nymphenburg aufgestellt. Seit 1919 schließlich fand sie ihren vorläufig letzten Platz am Fuße der „Gelben Treppe“, dem monumentalen Stiegenhaus in die Herrscherwohnung im neuen Königsbau, das Klenze bis ca. 1834 für Ludwig I. errichtet hatte. Dieses im Krieg zerstörte klassizistische Raumkunstwerk wird in den folgenden Jahren mit hohem Aufwand wiederhergestellt – eine große bauliche und denkmalpflegerische Herausforderung! Und so muss die Göttin – zumindest zeitweilig – ausweichen. Zum Glück nicht weit, denn trotz ihrer mädchenhaften Zierlichkeit bringt die schaumgeborene Schönheit um die 600 diätfreie Kilo auf die Waage!

Mit einem mobilen Kran wird Venus umschnürt von gepolsterten Schlingen von ihrem Sockel gehoben und schrittweise umgebettet. Obwohl aus hartem Stein, machen die zahlreichen Hinterschneidungen der Figur und ihre diversen stützenlos gemeißelten Finger, Zehen, Locken (das „Näschen“ nicht zu vergessen) die Umsetzung nicht nur zu einer schweren, sondern auch einer schwierigen Aufgabe. Über eine Rampe rollen wir die liegende Göttin mit allem gebotenen Respekt rund 15 Meter weit zum Eingangsbereich des benachbarten Schwarzen Saals. In einer großen, stuckverzierten Nische erfolgt dann der ganze nervenaufreibende Prozess in umgekehrter Abfolge: „Aphrodite, die schöne, züchtige“ ist wirklich vieles – aber nicht leichtfüßig! Doch nun ist es geschafft: Am zeitweilig neuen Standort erwartet die Göttin der Schönheit nun unsere Besucherinnen und Besucher, um sie auf die Schönheiten der Residenz einzustimmen!

 

(übrigens: ausführlichere und weiterführende Informationen zu Canovas Münchner Venus (und weiteren Werken) in: „Der Sinn für Kunst: Die Skulpturen Antonio Canovas für München“ von Christian M. Geyer, Berlin 2010 !)

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Hallo Davide,
      im 18. Jh. hing an der Wand ein großes mythologisches Gemälde von Luca Giordano, es gehört heute den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und hängt derzeit in Würzburg. Weil wir die Reichen Zimmer nach Möglichkeit nur mit dem ursprünglich dort dokumentierten Inventar einrichten wollen, bleibt die Wand vorerst frei, bis wir das originale Gemälde oder ein von Thematik und Entstehungszeit her ähnliches dort als Dauerleihgabe präsentieren können. Viele Grüße aus München, Christian Quaeitzsch

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