Blut, Schweiß und Tränen – in Gold gefasst: Das große Passionsreliquiar aus der Reichen Kapelle

Kein überdimensionales vorösterliches Überraschungsei, aber dennoch voll spannender Dinge: Das Passionsreliquiar der Reichen Kapelle

In den Tagen und Wochen vor den Osterfeiertagen herrscht im Bereich von Tradition und Überlieferung Hochbetrieb: Zum Beispiel machen sich vorwiegend in Frankreich und Italien um diese Zeit die Glocken der Kirchtürme heimlich (und per Flug) auf den Weg nach Rom, und wer jetzt die Nachbarn in West und Süd für ebenso regelmäßige wie leichtgläubige Opfer raffinierter Metalldiebe hält, fasst sich besser an die eigene Nase angesichts der Myriaden künstlerisch versierter Kaninchen, die hierzulande angeblich Eier aus Hühner- oder Schokoproduktion farbig aufpeppen und anschließend zwanghaft in Vorgärten (und Supermärkten) verstecken…

Zu den eindeutiger religiös geprägten Bräuchen während der Karwoche gehört hingegen mancherorts noch heute das Aufrichten Heiliger Gräber in Kirchen, wo über mehr oder minder realistischen Darstellungen des toten Christus die Monstranz mit der Hostie zur Verehrung ausgesetzt und so das Glaubensgeheimnis von Passion und Auferstehung plastisch zur Anschauung gebracht wird. Reste eines solchen Heiligen Grabes, das wohl im 19. Jahrhundert jährlich in der Hofkapelle der Residenz aufgebaut wurde, haben sich in unserem Depot erhalten.

Die unter Maximilian I. eingerichtete und 1607 geweihte „Reiche Kapelle“ enthielt bis ins frühe 20. Jh. den berühmten „Heiltumsschatz“ der Residenz, eine reichhaltige Reliquiensammlung…

Aber schon früher, im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert, wollte man hier ganz nah am vorösterlichen Passionsgeschehen sein. Beeindruckendes, künstlerisch und materiell gleichermaßen opulentes Dokument dieses Eifers ist ein großes Reliquiar (also ein Behälter für Überreste der Heiligen), das heute in der Reliquienkammer des Residenzmuseums (Raum 95) besichtigt werden kann, bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein aber in der benachbarten „Reichen Kapelle“, dem exklusiven Andachtsraum der Kurfürsten,  verwahrt wurde.
In dieser strotzenden Kostbarkeit fand die von der Gegenreformation geprägte Religiosität der bayerischen Herrscher mit deren immensen Repräsentationswillen in Aufsehen erregender Weise zusammen:

Prominente Nachbarschaft: Unter dem zentralen Säulenfragment befindet sich das bayerische Herzogswappen. Die seitlichen Figürchen von Moses und Priester Melchisedek verweisen im Kontext der Passion Christi auf die Erfüllung des alten Gesetzes und das Wunder der Eucharistie

Der überreich verzierte, mehr als einen Meter hohe, turmartige Aufsatz aus vergoldetem Silber, der wohl um 1590 in Augsburg im Umfeld des Goldschmieds Abraham Lotter entstand, enthält in mehreren verglasten Kapseln diverse Fragmente, die der Überlieferung zufolge von den Leidenswerkzeugen Jesu stammen sollen. Ehrfürchtig veredelt und feierlich ausgestellt konnten diese für den gläubigen Verehrer unmittelbares Zeugnis vom Erlösungs- und Heilsgeschehen gemäß der christlichen Überlieferung geben. Das erste Inventar der Reichen Kapelle von 1627 zählt die kostbaren Überbleibsel auf: „ain stuckh von der Seylen [Säule] Cristi, daran er gegaiselt auch thailß Erdtreich und Leinwath, so mit seinem hl. Bluett besprenngt worden; zur rechten seütten ain Creuz von dem hl. Creüz gemacht […] zur lünckhen ein ast von der hl. Dörnen Coron […] zu obrist von unsers herrn Schwammen“ [also dem Essigschwamm, mit dem der durstige Christus am Kreuz getränkt wurde] und last but not least: „ain stuckh von dem nagl damit unsers herrn heyl. füeß durchnagelt worden“.

Die Geißel- und die Dornenkrönungsgruppe unter den seitlichen Baldachinen sind jeweils nur wenige Zentimeter hoch

Der reiche, wiewohl miniaturhaft kleine plastische Bildschmuck des kostbaren Reliquienbehälters illustriert gleichsam die zu den verehrten Objekten zugehörigen Episoden der Passionsgeschichte: Links wird unter einem zwiebelförmigen Baldachin ein nackter Christus, dessen Leib mit weißem Email überzogen ist, gegeißelt, rechts verspottet und mit dem stacheligen Dornenkranz versehen. Vor dem Rest des Kreuzbalkens steht ein Figürchen der leidenden Muttergottes, symbolisch von sieben Schwertern durchbohrt.

Gut verborgen im wuchernden Ornament – die österliche Begegnung Maria Magdalenas mit dem Heiland – auch bekannt als „Noli me tangere“: „Berühre mich nicht“ ( – auch in profanem Sinne für ein Museumsstück wie unser Reliquiar ein gutes Motto…)

Hoch über ihr, auf der turmartigen Spitze, hält zwischen Engeln mit den Leidenswerkzeugen Gottvater selbst den gemarterten Leib Christi als Sinnbild des Opfertodes im Schoß, während im Stockwerk darunter an zentraler Stelle auf das Ostergeheimnis und die Auferstehung verwiesen wird: Hier erscheint der dem Grab entstiegene Christus zuerst der knienden Maria Magdalena. Unter dem zentralen Fach mit dem Säulenfragment schließlich ist das bayerische Herzogswappen in farbigem Emailschmelz angebracht, um göttliches Heilsgeschehen und Wittelsbacher Herrschaft in einen optischen und sinnhaften Zusammenhang zu stellen!

Die historische Aufnahme zeigt den – heute nicht mehr existenten – Mechanismus des herabgelassenen Altarreliefs

Verwahrt wurde der kostbare Reliquienbehälter ursprünglich im Inneren des Altaraufbaus der Reichen Kapelle: Mittels einer Kurbel konnte die zentrale silberne Relieftafel mit einer Darstellung der Kreuzigung versenkt werden und enthüllte den Betenden dann in einer Nische die authentischen Zeugnisse des Passionsgeschehens!
Natürlich war es wichtig, in solch einem bedeutenden Rahmen keine Fälschungen zur Verehrung zu offerieren. Man bemühte sich deshalb von jeher, die Herkunft der raren Stücke zu erschließen bzw. im Gedächtnis zu bewahren: In einem ausführlichen Inventar aus den 1850er Jahren hielt der Hofpriester und Kapellenaufseher Joseph Angermayer die Überlieferung fest, dass das Kreuzfragment wohl aus Konstantinopel nach Deutschland gelangt und von dem Nürnberger Juwelier Johannes Hirschvogel dem Katharinenkloster seiner Heimatstadt verehrt worden sei, von wo es 1583 in den Besitz des bayerischen Herzogs Wilhelm V. überging. Der Nagel, vermutlich auch Dorn und Schwamm seien hingegen bereits im Mittelalter von Kaiser Heinrich III. aus Trier in die von ihm gestiftete Kollegiatskirche nach Goslar übertragen und später Maximilian I., dem Sohn Wilhelm V., nach Bayern geschenkt worden.

Gute Provenienzen also, dennoch beschlich den geistlichen Herrn da und dort eine gewisse Skepsis, vor allem hinsichtlich des Säulenfragments, das nicht aus Stein zu sein schien, „sondern leicht war wie Holz oder Kork“….
Uns hingegen sollen die Spekulationen, ob der kostbar gefasste Brocken einst aus einem Pfeiler im Jerusalemer Palast des Pilatus oder aus einem profanen Stück Baumrinde herausgeschlagen worden ist, heute nicht mehr weiter belasten. Denn unabhängig davon fasziniert das schimmernde Gehäuse mitsamt seinen wie auch immer fragwürdigen Inhalt bis heute als spannendes Zeugnis von Religions- und Landesgeschichte!

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