Ein dynastisches Schwergewicht kehrt zurück – Ludwig der Reiche und die „bronzenen Wittelsbacher“ im Foyer des Herkulessaals

 

Nur zentimeterweise schreitet der hohe Herr voran – die monumentale Bronzestatue Ludwigs d. Reichen während der Versetzung

Ostern ist ja erst ein paar Wochen her, und so hat sicher noch so mancher den alljährlich ausgestrahlten Reigen biblischer Monumentalfilme vor Augen, an ihrer Spitze den unsterblichen Sandalen-Schinken „Die zehn Gebote“ von 1956. Wer kennt nicht die stimmungsvolle Einstiegssequenz unter blutrotem Himmel, in der Hunderte von gepeinigten Sklaven die gigantische Statue des Pharao zum melodischen Schnalzen der Aufseher-Peitschen vom Steinbruch in die Hauptstadt ziehen? Ein wenig an dieses Szenario mögen wir letzte Woche in der Residenz erinnert haben, als die „neuneinhalb bayerische Schuh“, also ca. drei Meter hohe Statue Ludwigs des Reichen, ein 900 Kilo schweres Ungetüm aus vergoldeter Bronze, versetzt wurde.

Alter Standort – der neue Thronsaal im Festsaalbau (Aquarell um 1850, WAF)

Dieser, wie der Beiname schon sagt, sehr wohlhabende und (was der Harnisch und das derzeit noch fehlende Schwert in der erhobenen Rechten zart andeuten) auch ziemlich kriegerische Herr regierte zwischen 1450 und 1479 das Wittelsbacher Teil-Herzogtum Bayern-Landshut. Unter anderem ist er bekannt geworden für die Gründung der Universität Ingolstadt (1472), aus der später die LMU hervorging, und die Verheiratung seines Sohnes Georg mit der polnischen Prinzessin Jadwiga – eine spektakuläre Partie, die bis heute in der berühmten „Landshuter Hochzeit“ nachgespielt wird. Ein durchaus glänzender Apfel am verzweigten Wittelsbacher Stammbaum also – Grund genug, den reichen Ludwig in die Reihe der Ahnen aufzunehmen, die sein Namensvetter König Ludwig I. (reg. 1825-1848) in seinem neuen Thronsaal im Zentrum des sogenannten Festsaalbaus der Residenz zu sehen wünschte. Dieser neue Schlossflügel entlang des Hofgartens wurde von Ludwigs favorisiertem Architekten Leo von Klenze zwischen 1835 und 1842 erbaut und sollte die offiziellen Fest- und Repräsentationsräume des bayerischen Königreichs beherbergen. Vom prächtigen Ballsaal aus näherten sich Besucher durch drei große Vorgemächer, die mit Szenen aus der mittelalterlichen Kaisergeschichte ausgemalt waren, dem weitläufigen Thronsaal, einem klassizistischen Traum in Weiß und Gold, dessen seitliche Tribünen von korinthischen Säulen gestützt wurden. Zwischen diesen Säulen sollten nach Klenzes und Ludwigs Plänen zwölf monumentale, hell glänzende Bronzestatuen von Wittelsbachern Aufstellung finden, darunter Kaiser Ludwig IV. „der Bayer“, der pfälzische Kurfürst und große Mäzen Johann Wilhelm oder der schwedische Feldherr-König Karl XII., ein Spross aus der Zweibrücker Linie der Wittelsbacher.

Der weise Albrecht hält sein Primogenitur-Gesetz in der Hand, die Nachfolgeregelung, mit der die bis dato üblichen Landesteilungen beendet wurden

Zusammen bildeten sie eine bedeutend und – ja: auch ziemlich bedrohlich blickende Ehrengarde auf dem Weg zum symbolischen Sitz der Macht, die das Alter und die Verdienste der Dynastie verdeutlichen und den aktuell regierenden Herrscher mit zwölffacher Legitimität ausstatten sollte. Als unmittelbare „Thronwächter“ wurden Herzog Friedrich von Bayern-Landshut und Albrecht IV. von Bayern-München aufgestellt, die die Nachwelt jeweils mit dem Beinamen des „Weisen“ ausgezeichnet hatte. Als Vertreter einer wichtigen Herrschertugend sollten sie Ludwig I. „stärkend“ in die Mitte nehmen.

Spätestens 1833 ging der Auftrag für Entwurf und Ausführung der Gussmodelle an den vielbeschäftigten Bildhauer Ludwig Schwanthaler (1802-1848), der für den König und Klenze unter anderem auch die monumentalen Giebelfiguren der Wahalla bei Donaustauf oder die riesige Bavaria vor der Münchner Ruhmeshalle schuf. Der Guss der zwölf historischen „Größen“ ging als ein auf Jahre berechneter Auftrag an die von Ludwig intensiv geförderte königliche Erzgießerei unter der Leitung Johann Baptist Stiglmaiers, die sich dank solcher (übrigens sehr risikoreicher und im Wortsinne „brandgefährlicher“) Prestigeprojekte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zur deutschlandweit, ja international wichtigsten Adresse für monumentalen Metallguss entwickelte. 1835 war der erste Ahne, der Kurfürst Maximilian I., getreu nach historischen Vorlagen samt Spitzbart, Harnisch und Ordenskette im Modell vollendet. Zwischen 1836 und 1842 wurden die Figuren nacheinander gegossen, die ersten schon 1837 feuervergoldet. Dabei experimentierte Stiglmayer mit neuen Lüftungstechniken, die eine Vergoldung der riesigen Flächen unter Vermeidung der giftigen Quecksilberdämpfe ermöglichten – damals eine vielbeachtete Sensation und letztlich natürlich auch keine schlechte Publicity für Ludwig als sorgenden, „arbeitsnehmerfreundlichen“ Auftraggeber!

… und nach der Zerstörung

Historische Aufnahme des Thronsaals kurz vor …

1842 konnte der Thronsaal eingeweiht werden und in den folgenden hundert Jahren spielte sich unter den strengen Blicken der zwölf Bronzeahnen so mancher wichtige Akt der bayerischen Landesgeschichte ab. 1944 wurde der Thronsaal zusammen mit dem übrigen Festsaalbau bei Bombenangriffen zerstört. Die Flammen schwärzten die goldenen Figuren, beim Einsturz ging so manches Schwert, die eine oder andere Hand verloren, zum Schmelzen konnte das Feuer die robusten Vorfahren aber nicht bringen…
Nachdem in den 1950er Jahren ein neuer Konzertsaal in die Leerstelle des ehemaligen Thronraums eingebaut wurde, war das inzwischen recht „dreckige Dutzend“ zunächst heimatlos. Historische Fotos zeigen die Figuren, die wie fiese Finsterlinge aus der „Herr der Ringe“-Trilogie anmuten, in provisorischer Aufstellung im Kaiserhof der Residenz. Schließlich wurden sie im ebenerdigen Foyer des neuen Herkulessaals (ehemals Thronsaal), also ein Stockwerk unter ihrem einstigen Standort positioniert und ab den 1980er Jahren stückweise gereinigt. Schließlich fehlte nur noch Ludwig der Reiche, für den –  Ironie – jahrelang kein Geld mehr da war. Nun aber schimmert auch sein Harnisch wieder im matten Goldton, dessen genaue Farbigkeit Klenze in zähen Kämpfen gegen die übrigen Kunstberater Ludwigs I. durchsetzen musste.

Mit viel Muskelschmalz und einem Hubwagen haben wir vor einigen Tagen die Riesenbronze aus dem Werkstatt-Verschlag zu ihrem Sockel transportiert. Auf provisorischen Metallrollen, die dabei beinahe plattgedrückt werden, gleitet fast eine Tonne Metall (mit entsprechender Nachhilfe) auf ihren alten, neue Standort zu – eben wie die Götterstatuen im biblischen Ägypten, nur dass für uns kein Rotes Meer geteilt wird (und keine Nilpferdpeitschen knallen). Gut drei Stunden braucht Ludwig der Reiche für die rund sieben Meter lange Reise. Doch nun begrüßt der alte Wittelsbacher wieder, zusammen mit seinen zehn Verwandten (einer steht gegenüber in den Ministerien am Odeonsplatz) die Konzertbesucher und erzählt ihnen stumm, aber mit ausdrucksvoll geschwungener Augenbraue von der Geschichte der Residenz….

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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