Kein Platz für Liebe? Barocke Ehe-Ideale an den Decken der Residenz

„Majestät und Liebe“, Deckengemälde des ehemaligen „Grottenzimmers“ im Appartement der Kurfürstinnen, heute im Raum 67, trad. Antonio Triva zugeschrieben, nach 1667

Kurz vor der parlamentarischen Sommerpause gewinnt ein sonst nicht allzu häufig unter der Berliner Reichstagskuppel verhandeltes Thema an Fahrt: die Ehe, konkret die „Ehe für Alle“. Was den einen die finale Inangriffnahme lang liegenden Reformstaus ist, scheint den anderen das fragwürdige Rütteln an traditionellen Grundwerten. Unabhängig davon zeigt die Debatte an diesem Freitag auf jeden Fall, dass die Vorstellung dessen, was Ehe beinhaltet, keinesfalls seit dem ersten (pikanterweise unverheirateten) Menschenpaar im Garten Eden in Stein gemeißelt ist, sondern wie die meisten Dinge dem Wandel unterworfen. Einen schönen Beleg dafür finden Besucher der Residenz, wenn sie in den heute so genannten „Päpstlichen Zimmern“ die Augen an die Decke richten und das dort eingelassene allegorische Gemälde aus den 1660er Jahren betrachten.

Henriette Adelaide im Festkostüm, Gemälde von Jean Delamonce, zw. 1672 u. 1676 (BStGS)

Einst schmückte es das früher in diesem Bereich der Residenz gelegene private Audienz- und Gesellschaftszimmer der kunst- und politikinteressierten Kurfürstin Henriette Adelaide (1636-1676), geborene Prinzessin von Savoyen und seit ihrem vierzehnten Lebensjahr verheiratet mit dem Wittelsbacher Ferdinand Maria (reg. 1651-1679).

Die Leinwand ist dicht gefüllt mit rätselhaften Figuren, die gemeinsam das zeitgenössische Ideal einer fürstlichen Ehe – konkret die von Ferdinand Maria und Henriette Adelaide – verkörpern: Auf einem Thron sitzt eine ziemlich unterkühlt wirkende Schönheit, gehüllt in kostbare Gewänder und mit Krone auf dem Haupt. Es ist, wie wir aus zeitgenössischen Bilderläuterungen erfahren, die personifizierte Majestät – die bayerische versteht sich. Ein zahlreicher weiblicher Hofstaat bemüht sich um sie, aufgemischt von ein paar Putten und etwas älteren, sparsam bekleideten Engelsknaben. Ein besonders schwärmerischer steht neben ihr: Es ist Amor, die Liebe. Nicht mit Augenbinde dargestellt, wie üblich, sondern mit vollen Händen: Mit der linken balanciert er die legendären Goldäpfel, die der mythologische Zehnkämpfer und Halbgott Herkules einst aus dem Garten der Hesperiden raubte und die hier die glänzenden Tugenden des antiken Heros symbolisieren: Selbstbeherrschung, Großzügigkeit und Vernunft. Mit seiner anderen Hand hält Amor den grimmigen bayerischen Löwen kätzchenzahm an der Leine: es handelt sich demnach nicht um schüchterne oder blinde Liebe, sondern um heldenhafte, der Majestät angemessene Liebe: „Amor heroico“.

Aus einer solchen Liebe können Macht und Ruhm erwachsen, aufgezeigt durch Reichsapfel und Krone, die ein schwer beladener kleiner Putto herbeischleppt, während ein anderer die neu gestiftete politisch-dynastische Allianz zwischen Bayern und Savoyen durch ein Tuch mit eingestickter „Manifede“ verdeutlicht: Zwei Hände, die einander als Zeichen der Treue umfassen.
Links, gegenüber der Majestät, steht eine junge Frau, die mit scheu abgewandtem Blick, aber lächelnd, einen roten Klumpen an einen weiteren geflügelten Liebesboten übergibt. Es die die „Wahre Freundschaft“, begleitet von ihrer Partnerin, der Tugend, die ihr lebendes Herz als Liebeszeichen der Majestät überreichen lässt!

Wenn all diese Faktoren zusammenkommen, dann steht der „Ehelichen Eintracht“ samt einer glücklichen Verbindung von Liebe und Majestät nichts mehr im Wege. Breit lächelnd sitzt „Concordia maritale“ auf den Stufen des Throns und hält den Hochzeitsring empor. Geschmückt ist sie mit immergrünem Efeu, das sich in der Natur fest an seinen Baum klammert (und ihn übrigens langsam erstickt…). Neben ihr pickt ein Eisvogel, der schon im Altertum als besonders anhänglich galt.
Keinen Platz in dieser Idylle hat interessanterweise nur eine Figur: der geflügelte kleine Putto mit Augenbinde ganz rechts – gefesselt und schwer bewacht von weiteren weiblichen Allegorien: Es ist „Amor profano“, die blinde, leidenschaftliche Liebe. Sie hat im Tableau der gelungenen Fürstenehe des 17. Jahrhunderts nichts zu suchen, sondern muss gebändigt und ausgeschaltet werden. Stattdessen sollen ruhige, gleichmäßige Freundschaft, Tugend und Vernunft sowie gemeinsames Ruhmesstreben – also der Blick auf die Außenwelt – die partnerschaftliche Verbindung bestimmen.

Seien wir ehrlich: Sehr sexy klingt das nicht. Doch spiegelt unser Deckengemälde trotz all seiner gelehrten Verrätselung letztlich anschaulich die uns sehr fremdartigen Auffassungen der Frühen Neuzeit über die Grundlagen der ehelichen Gemeinschaft, wie sie in der damaligen (rudimentären) Erziehungsliteratur oder moralischen Traktaten aufscheint. Ganz klar wurde eine Verbindung zwischen zwei Aristokraten wie Ferdinand Marie und Henriette Adelaide, die sich vor ihrer Hochzeit niemals gesehen hatten, die Sprache des künftigen Partners nicht sprachen (und vor allem nicht gefragt wurden) als letztlich ökonomische Entscheidung betrachtet. Das galt auch für die immer ins Feld geführte Sicherung dynastisch einwandfreien Nachwuchses, denn hier ging es ja in letzter Konsequenz nicht um Ehre oder Genetik, sondern um Machterhalt und die künftige Vererbung der Herrschaft.
Im Rahmen einer solchen Entscheidung war gegenseitige Zuneigung kein Problem, sie wurde aber keinesfalls erwartet oder gar als Voraussetzung erachtet (wohlgemerkt: rechtlich geschlossen war die Ehe erst mit dem körperlichen Vollzug!). Liebe – verstanden als Freundschaft und gegenseitige Loyalität – wurde gern als Zugabe in Hinblick auf privates Glück in Aussicht gestellt, ausdrücklich aber nach und als Ergebnis der Eheschließung. Eine starke sexuelle Attraktion innerhalb der Partnerschaft galt eher als suspekt, weil es sich um einen unkalkulierbaren und aller Erfahrung nach flüchtigen Faktor handelte, der bei Aufflammen und Ausbleiben die Vernunftentscheidungen der Ehe- (oder wenn man will: Geschäfts)partner irrational beeinflussen konnte. Das heutige Ideal romantischer Liebe war in dieser Konzeption einer lebenslangen ehelichen Zuneigung schlichtweg nicht vorgesehen, sondern musste sich, wenn überhaupt, seinen Platz in anderen zwischenmenschlichen Verhältnissen suchen.

Prächtiger Rahmen: Ihr offizielles Statement zum Thema Fürstenehe präsentierte die bayerische Kurfürstin in diesem reich dekorierten Raum – dem sogenannten Grottenzimmer (1944 zerstört und verändert wiederaufgebaut)

Es ist faszinierend, sich vorzustellen, dass die den Heutigen selbstverständlich erscheinenden Grundlagen sozialer und gefühlsmäßiger Bindungen unseren barocken Vorfahren so fremd erscheinen müssten, wie uns die ihren. Was die Ehe des 17. im Vergleich zum 21. Jahrhundert war, zeigt uns das Deckengemälde in Henriette Adelaides Appartement. Was sie heute und morgen sein wird, werden wir mitgestalten und erfahren!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

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