42 Ritter – aber nur ein Drache…: Der Ordenskalender des Hausritterordens vom Heiligen Georg

Gemeinhin versteht man unter einem Kalender ja einen mehr oder minder originellen und geschmackvollen Wandschmuck mit nützlicher Nebenfunktion – den monatsweise aufgelisteten Tages- und Datumsangaben; manchmal auch ein handliches Büchlein, auf dessen vorgedruckten Wochenplänen allerlei Angaben zu anstehenden Feier- und Jahrestagen vermerkt sind, fallweise garniert mit saisonal tauglichen Sinnsprüchen und Katzenbildchen. Vieles davon – inklusive mehrerer (bayerischer Löwen-)Kätzchen – bietet auch das im Jahre 1785 gedruckte Kalenderblatt aus dem Depot des Residenzmuseums.

Der Unterschied besteht allerdings in dem mit über 170 cm Höhe monumentalen Ausmaß, und darin, dass es sich um einen sogenannten Ordenskalender handelt, das heißt, statt zwölf Monaten und 52 Wochen präsentiert das aus mehreren Blättern zusammengeklebte Papiermonument die im Jahr der Veröffentlichung aktuelle Zusammensetzung des hochexklusiven Wittelsbacher Hausritterordens vom Heiligen Georg! Das übergreifende Bildprogramm für die überbordende Druckgraphik war allerdings schon älter: Bereits 1737 hatte der Münchner Hofmaler Balthasar Augustin Albrecht eine große Ölskizze angefertigt, nach deren Vorlage die zusammenpassenden Kupferplatten gestochen wurden. In die montierten Abzüge konnten dann kleine Kupferstiche mit den Porträts und Wappen der gegenwärtigen 42 Ordensmitglieder jeweils eingeklebt werden!

Seit der ursprünglich in Kleinasien lebendige Kult des römischen Soldaten und Märtyrers Georgius aus dem dritten Jahrhundert im Gefolge der Kreuzzüge in Mitteleuropa Fuß gefasst hatte, war dieser zu einem wichtigen Vorbild und zur religiösen Identifikationsfigur des christlichen Ritteradels geworden. Seine zweifellos berühmteste Tat, der erfolgreiche Kampf mit einem bösartigen Drachen, der dem ganz und gar unchristlichen Hobby des regelmäßigen Jungfrauen-Verzehrs frönte, wurde als vielfach dargestelltes Sinnbild des Sieges über das Böse verstanden – wobei das Böse auch damals schon im Auge der Betrachter, hier der Georgs-Verehrer lag und meist Andersgläubige oder missliebige politische Gegner bezeichnete…

Der prunkvolle Miniaturschrein wurde für eine aus Köln nach Bayern geschenkte Körperreliquie des Heiligen angefertigt

Auch die bayerischen Herrscher verehrten den ritterlichen Georg spätestens seit dem 14. Jahrhundert als Schutzpatron ihrer Münchner Residenz bzw. von deren Vorgängerbau, der „Neuveste“, wo der Heilige eine eigene Kapelle besaß. Eindrucksvolles Zeugnis dieser Hinwendung ist das im Auftrag Herzog Wilhelms V. (reg. 1579-1597) ab 1568 geschaffene Georgs-Reliquiar (heute Residenz-Schatzkammer), das später im Rahmen der Ordensfeierlichkeiten als spirituell aufgeladener Blickfang erst auf dem Altar, dann auf der Festtafel aufgestellt wurde.

Diesen bis heute existierenden Ritterorden zu Ehren des Heiligen sowie der Gottesmutter hatte Kurfürst Karl Albrecht (reg. 1726-1745, seit 1742 als Kaiser Karl VII.) feierlich am 24. April 1729 aus der Taufe gehoben. Formal handelte es sich um die Wiederbelebung einer älteren, vormals in Bayern aktiven Georgs-Bruderschaft, was der Neugründung (und dem Gründer) die angenehme Aura angestammter Tradition – sprich: Legitimation – verlieh.

Um 1730 hat Karl Albrecht das Gründungsfest des Ordens an der Decke der neu eingerichteten Ahnengalerie seiner Residenz verewigen lassen

Tatsächlich war Karl Albrechts Stiftung, wie die meisten Einrichtungen adeliger Ordensvereine in der Frühen Neuzeit, in erster Linie ein Mittel, die Loyalität des bayerischen Adels gegenüber dem Herrscherhaus durch ein weiteres Band elitärer Zusammengehörigkeit zu stärken, denn Ordensmeister war natürlich stets der Landesherr! Dies macht auch das Bildprogramm des Ordenskalenders deutlich:

Die Wappen der Ordensritter offenbaren sich dem genealogisch Bewanderten als „Who is Who“ der altbayerischen Erbaristokratie des 18. Jahrhunderts – schließlich musste jedes Mitglied eine aufwendige Ahnenprobe absolvieren! Im oberen Drittel erscheint zwischen Putten, die mit den Bestandteilen der prunkvollen Ordenstracht spielen, die wittelbachische Führungsriege: An der Spitze der Großmeister – der seit 1777 regierende Kurfürst Karl Theodor (1724-1799); darunter als Großpriore seine voraussichtlichen Erben, die Herzöge von Pfalz-Zweibrücken (rechts der später König Max I. Joseph!).

 

Den Mittelpunkt der Komposition bildet aber der Schutzpatron des Ordens:  St. Georg, der auf seinem am Geschehen eher uninteressierten Schimmel den Drachen durch klassischen Rachenstich waidmännisch korrekt erlegt. Ihn flankieren die geharnischten Figuren historischer Kreuzritter, deren Rautenwappen ihre engere oder weitere Verwandtschaft mit dem bayerischen Herrscherhaus anzeigen.

Darunter verkörpern zwei behelmte Damen, die Schilde mit dem Ordenskreuz tragen, die speziell ritterlichen Tugenden, ohne die der chevalereske Schutz von Witwen und Waisen nicht zu leisten ist: Links die Gerechtigkeit mit Waage, recht die Stärke, die eine schwere Säule stemmt. Zu ihren Füßen fallen niedlich gezeichnete, aber aggressive Wappenlöwen über die Feinde des katholischen Glaubens her. Dabei setzen sie die Zähne sparsam ein und tatzen nach Fackel und Schwert, um Häretiker und Ungläubige das Fürchten zu lehren – und sie vielleicht zu einem Blick in die Ordensstatuten zu bewegen, die bequem aufgeschlagen am unteren Bildrand platziert sind.

Über dem Großmeister erscheint neben Georg noch ein anderer, weiblicher Sieger über die „Alte Schlange“: Maria auf der Mondsichel tritt mit sanftem Nachdruck ein teuflisches Reptil unter ihre Füße. Die Jungfrau erscheint hier nicht nur als weitere Ordenspatronin, sondern auch als „Immaculata“, als Sinnbild für das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens, das im 18. Jahrhundert theologisch noch hart umkämpft war, dem sich die Wittelsbacher als in der Wolle gefärbte Marienverehrer samt ihren Rittern aber besonders verpflichtet fühlten. Entsprechend beten seitlich die Verkörperungen Bayerns und „Fides“, der Glaube, die Jungfrau andachtsvoll an.

Untere Hälfte des auf Papier aufgezeichneten Stammbaums an der Südwand der Ahnengalerie

Mit seinen monumentalen Ausmaßen und dem komplexe Bildprogramm stellt der Georgs-Ordens-Kalender ein anschauliches Beispiel gedruckter Herrschaftspropaganda dar, das dem kompositorisch ganz ähnlich aufgebauten Wittelsbacher Stammbaum im Zentrum der Ahnengalerie der Residenz zur Seite gestellt werden kann!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

Schreibe einen Kommentar