(Uhr)Werk zurück – zurück ans Werk! Zum Abschluss der Restaurierungsarbeiten an der Georgs-Uhr von Paul Graff

Die Georgsuhr – vorerst noch im Restaurierungsatelier

… und das restaurierte Uhrwerk – auf Hochglanz poliert!

2013 haben wir sie zuletzt hier vorgestellt – die große Prunkuhr des Paul Graff (†1788), einem Augsburger Uhrmacher, der sich 1756 in München niederließ. Es handelt sich um eine sogenannte „Stutzuhr“, deren Federantrieb einen hohen Uhrenkasten für Gewichte unnötig macht und im „gestutzten“ Gehäuse aus vergoldeter Bronze (das, nebenbei, trotzdem fast einen Meter hoch ist) Platz findet. Vermutlich wollte der Münchner Neuankömmling Graff mit dem aufwendigen Paradestück die Aufmerksamkeit des kurfürstlichen Hofs auf sich ziehen – mit Erfolg! Seit 1768 war der schwäbische Tüftler regelmäßig in der Residenz tätig. 1772 ernannte Max III. Joseph (reg. 1745–1777) ihn zum Hofuhrmacher und 1781 stieg Graff zum Zunftmeister auf. Nach vielen Jahren im Depot der Residenz und noch einmal vier Jahren aufwendiger Restaurierung kehrt seine Uhr nun Anfang November zurück in die Prunkräume unseres Museums, wo sie – übervoll mit alten Geschichten und aktuellen Neuigkeiten – stolz ihr glänzendes Innenleben präsentiert. Und das ganz wörtlich: Um den raffinierten Mechanismus und die sonst nur schwer durch gravierte Scheiben sichtbaren „inneren Organe“ des glitzernden Ungetüms den Besucherinnen und Besuchern vorzuführen, haben wir uns entschlossen, das gereinigte Gehäuse mit reichem Dekor aus getriebenem und gegossenem Silber und das restaurierte Uhrwerk noch eine Weile getrennt voneinander auszustellen. Träge dreht sich der kompakte Rädermechanismus mit Pendel, Schlag- und Spielwerken auf einer rotierenden Scheibe und freut sich vermutlich, mal selbst bewegt zu werden, statt immer nur zu bewegen….

Der heilige Drachentöter – noch ungereinigt und deshalb nicht strahlend, sondern eher streitbar….

Schon der figürliche Silberschmuck, teilweise vergoldet und fein ziseliert, zeigt an, dass hier Zeit im fürstlichen Maßstab gemessen wird. Schimmernde Schönheiten zu Seiten des Uhrkastens verkörpern die Jahreszeiten, und bewundert von kleinen Putten sprengt auf dem Dach des Gehäuses der silberne Ritter St. Georg, der aristokratische Heilige schlechthin, mit gezücktem Schwert gegen einen chancenlosen Drachen an.

Aber eben auch das Innenleben mit seinen zahlreichen Zusatzfunktionen neben der möglichst exakten Zeitmessung – verschiedene Glockenspielweisen und das Hebewerk der beweglichen Georgsfigur – offenbaren höchsten Anspruch: Schon das Zeitalter des Barock war von der Welt und des Symbolik der Mechanik nicht nur unter dem technologischen Nutzaspekt, sondern auch philosophisch fasziniert gewesen. Das galt noch genauso für die Epoche der Aufklärung, in der Meister Graff und Kurfürst Max III. Joseph lebten, und für deren postulierten Pirmat der Vernunft die regelmäßige Ordnungsmaschine Uhr in vielerlei Hinsicht ein faszinierendes Symbol darstellte! Kein Wunder, dass Max III. Joseph sich für technische Spielereien begeisterte und diese in seinen zeremoniell geregelten Alltag sowie die höfische Unterhaltung integrierte: Zum Beispiel ließ er in die Kommoden seines Schlafzimmers Musikautomaten einbauen und besaß Schuhe mit integrierten Spieluhren!

das kastenförmige Werk….

… und das gereinigte Zifferblatt

Genau genommen verfügt unsere Uhr übrigens nicht nur über ein, sondern zwei kastenförmige Metallwerke, die normalerweise hintereinander montiert im Gehäuse sitzen. Ein Schaltmechanismus kommunizierender Hebel vermittelt ihre aufeinander abgestimmten Bewegungen und überträgt sie auf die Zeiger an der Schauseite. Metallfedern, die über Schnecken mit aufgewundenen Darmsaiten ihre Spannkraft an große und kleine Zahnräder abgeben, halten die getaktete Mechanik in Gang. Das hintere Werk reguliert Viertel- sowie Stundenschlag und steuert die Bewegung der Georgsfigur. Im vorderen sitzt die zentrale Spindel, die das Pendel mit dem Bildnis einer üppigen, ruhelosen Schönheit schwingen lässt.

Seitlich sind ein Glockenspiel („Carillon“) sowie ein Stahlspiel untergebracht: Zwei mit Metallstiften besetzte Walzen lassen Hämmerchen auf gestimmte Stahlplatten fallen und die Klöppel in den Glockenkörben anschlagen. Die veränderbare Position der Walzen bestimmt, welche von jeweils fünf Melodien ertönt (darunter das um 1756 erstmals aufscheinende Lied „Wenn ich ein Vöglein wär“).

Stahlspiel vor….

…und nach der Restaurierung

Im Zuge der jüngsten Restaurierung konnte der ursprüngliche Ablauf der Spielwerke rekonstruiert werden: Zur vollen Stunde ertönte zunächst der Glockenschlag, worauf eine halbe Walzenmelodie des Carillons erklang, gefolgt von einer kompletten Walzendrehung am Stahlspiel und der zweiten Hälfte der Carillon-Weise. Zum Abschluss bäumte sich St. Georgs Pferd über dem Drachen auf.

Die unrestaurierte Schnecke mit gerissener Darmseite

Aus historischen Quellen und Restaurierungsbefunden wird deutlich, dass die Georgsuhr im Laufe von zweieinhalb Jahrhunderten mehrere Veränderungen erfuhr. Bereits 1784 führte ihr Schöpfer eigenhändig Reparaturen aus und überarbeitete die Mechanik. In seiner erhaltenen Rechnung erläuterte Graff, er habe für 18 Gulden die Uhr „gänzlich zerleget und ausgebuzt, auch eine neue Feder samt zweien saiten eingemacht, auch so anderes verbessert und auf das schönste widerum hergestellt“. Vermutlich baute er damals in einem neuen Sockelfach die kleine Klaviatur („Manuale“) zur individuellen Ergänzung des musikalischen Automatismus ein.

Die Kopie der Georgsuhr, wohl 1870er Jahre, wurde nach dem Tod des Königs verkauft

In den 1870er Jahren ließ König Ludwig II. (reg. 1864-1886) von der Münchner Uhrmacherfirma Schweizer eine historistische Kopie der Georgsuhr anfertigen. Auch bei dieser Gelegenheit sind offenbar Veränderungen und Vereinfachungen des damals bereits über ein Jahrhundert alten Uhrwerks vorgenommen worden!

 

 

 

 

Veröffentlicht von Christian Quaeitzsch
Konservator des Residenzmuseums

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