Der König ist tot – Lang lebe der König! Ludwig I. und sein Königsbau…

wie gemalt! Das offizielle Regentenbildnis des neuen Königs Ludwig I. (reg. 1825-1848) von K. J. Stieler, 1826

Schön könnte man heute bei Sonnenschein und klirrender Kälte an den 150. Todestag des bauwütigen Bayernkönigs und Kunstmäzens Ludwig I. (1786-1886) erinnern, wenn der royale Tausendsassa, zeitlebens ein Liebhaber guter Auftritte und überraschender Abgänge (nicht zuletzt so vorzeitig wie final von der politischen Bühne im Revolutionsjahr 1848), nicht ausgerechnet an einem 29. Februar im mondänen Nizza verstorben wäre! Da man also korrekterweise Ludwigs, der selbst ein großer Freund historischer Memorialfeiern war, eigentlich nur alle Schaltjahre gedenken darf, wenden wir uns an diesem letzten Februartag ehren-und ersatzhalber einem seiner spektakulärsten Kunst- und Architekturprojekte zu: Dem Königsbau der Münchner Residenz!

Vielleicht Sinnbild des bayerischen, aber kaum eines Baulöwen: König Max I. Joseph (reg. 1799-1825), Gemälde von M. Kellerhoven, 1818 (Ausschnitt)

„Mit dem Neubau des Schlosses ist es nichts, das will ich dem Louis überlassen“ Mit diesem Votum konterte 1821 König Max I. Joseph (reg. 1799-1825) erkennbar genervt und final vielfältige Anregungen, das ererbte, in weiten Teilen noch durch ein frühbarockes Erscheinungsbild geprägte Residenzschloss der Wittelsbacher umzubauen in den repräsentativen Regierungssitz des neuen Königreichs Bayern (schließlich trug man in München seit 1806 die Krone!). Stattdessen schob er dieses ihm lästige Zukunftsprojekt seinem ehrgeizigen Sohn zu, der schon eine gefühlte Ewigkeit als erwachsener Kronprinz in Warteposition stand und mit dem königlichen, aus seiner Sicht erbarmungslos prosaischen Vater in permanentem Spannungsverhältnis lebte.

Heutige Ansicht des ausgedehnten Residenzareals von Südwesten – im Zentrum am Max-Joseph-Platz der Königsbau

Und bereit für diese (Bau)Aufgabe war Ludwig auf alle Fälle! Mehr noch: bereits seit einigen Jahren – wenn auch mit aller gebotenen Diskretion – verfolgte er hier Planungen für die Zeit seiner Herrschaft. Dabei stand schon früh das südliche Residenzareal im Zentrum seiner Überlegungen. Denn dort war mit dem 1802 erfolgten Abbruch des jahrhundertalten Franziskanerklosters ein weitläufiger, zur Innenstand hin orientierter Baugrund freigeworden, der nach einer würdigen architektonischen Gestaltung geradezu schrie. Hier also plante Ludwig einen neuen, in Ost-West-Richtung gelagerten Wohnpalast, den er allerdings erst als regierender Herrscher zu errichten und zu beziehen gedachte und der auf Grund dieser programmatischen Entscheidung stets als „Königsbau“ bezeichnet wurde.

Das Ergebnis harter Kämpfe: Die Fassade des Königsbaus, in der Klenze Elemente der Palazzi Pitti, Strozzi und Rucellai verarbeitete

Erste Entwürfe lieferte der Architekt Carl von Fischer bereits 1809. Es war dann aber doch Ludwigs „eigene Entdeckung“, der spätere Hofbauintendant Leo von Klenze, der ab 1823 mit konkreten Planungen und dem Bau beauftragt wurde. Zwischen 1826 und 1835 errichtete er auf dem nicht unproblematischen Terrain einen breit gelagerten, dreiteiligen Gebäuderiegel, rhythmisiert durch regelmäßig gereihte Bogenfenster und in der Fassadengestaltung inspiriert von architektonischen Vorbildern der Florentiner Renaissance. Zwischenzeitlich krachte es mehrfach zwischen Architekt und royale Bauherrn: Der von Jugend auf an Schwerhörigkeit leidende König pflegte die mit feiner Stimme vorgetragenen Belehrungen des klassizistisch-vornehmen Klenze hin und wieder gern zu überhören. Vor allem wenn er, was häufig vorkam, ästhetische Eindrücke, die er auf Reisen oder im Gespräch mit Kunstfreunden gegensätzlicher Couleur empfangen hatte, in die Architektur und Ausstattung seiner künftigen Wohnung zu integrieren wünschte.

Mit zusammengepressten Lippen und prächtigem Haar – Porträtfotografie des Stararchitekten Klenze

Aber auch die Frage, ob altererbte Bauten der älteren Residenz, etwa die Grüne Galerie des François Cuvilliés, dem Neubau zu weichen habe, oder ob der Goldton an den Wänden des künftigen Thronsaals auch golden genug sei, wurde mitunter bissig verhandelt. Aber Klenze war nicht nur ein begabter Künstler, sondern auch ein gewiefter Fürstendiener. Er wusste daher, wann er einen Kampf verloren geben musste – und ätzte zum Ausgleich danach ausgiebig in seinen für heutige Leser sehr unterhaltsamen, damals aber unter Verschluss gehaltenen „Memorabilien“…

Für die Möblierung und künstlerische Ausstattung der Wohnräume formulierte Ludwig schon 1823 strenge, in Hinblick auf den Komfort sogar asketische Vorgaben: In Anlehnung an die bewunderten Bauten der Antike und der Renaissance sollten alle Räume Steinböden erhalten und flächendeckend mit Wandmalereien verziert werden. Das bedeutete zugleich den Verzicht auf isolierende Holzvertäfelungen und offene Kamine. Verboten wurden zudem alle Elemente der raffinierten und international nachgeahmten französischen Wohnkultur, die an das Ludwig verhasste einstige Bündnis seines Vaters mit dem Eroberer Napoleon erinnerten: Das hieß ein hyper-patriotisches „Aus“ für textile Wandbespannungen, üppige Vorhänge, wandhohe Spiegel und vergoldete Bronzearbeiten.

„Mein lieber Schwan“ – geschnitzte und vergoldete Wange eines Sofas im Salon der Königin Therese

Als Programm war das bewundernswert stringent. Behaglich mit Blick auf die bayerischen Winter war es nicht: Mühsam konnte Klenze für die Böden der Königswohnung immerhin Parkette durchsetzen, wurde aber verpflichtet, mit Intarsien aus farbigen Edelhölzern ersatzweise die Muster antiker Marmormosaiken nachzuahmen. Auch in der Gestaltung des Mobiliars wurde die befohlene Abkehr von französischen Vorbildern stillschweigend aufgegeben – zum Glück: die spätklassizistischen Möbelgarnituren, die vom französischen „Empire“ geprägt sind und nahezu vollständig im Zweiten Weltkrieg gerettet werden konnten, gehören heute zu den besonderen Schätzen der Residenz!

Thronsaal Ludwigs I. im Königsbau

Um in seinen Entscheidungen bezüglich des Neubaus unabhängig zu bleiben, finanzierte Ludwig den Königsbau, der mit Gesamtkosten von 2.157.428 Gulden zu den teuersten Kunstprojekten seiner Regierungszeit zählte, aus der sogenannten Kabinettskasse, seinem Privatvermögen. Dies befreite ihn von Genehmigung und Kontrolle des Budgets durch die Ständeversammlung, zwang ihn aber anderseits zu genauem Wirtschaften. Als der König schließlich mit der etwas skeptischen, aber Kummer gewohnten Gemahlin Therese anlässlich der gemeinsamen Silberhochzeit den neuen Palast im Oktober 1835 bezog, war er zufrieden: „…lebendig, feurig, Frohsinn mir in dieser meiner neuen Wohnung…“ wünschte er sich selbst ins Tagebuch und notierte gut gelaunt: im zweiten Stockwerk „walzte ich allein in dem Tanzsaal da oben, so fröhlich war mir’s zu Muthe“.

´Salon der Königin im Königsbau

Mit seiner neuen Kunstbehausung hatte sich der zweite bayerische Herrscher den idealen Rahmen geschaffen, um unter den Bedingungen einer konstitutionellen Monarchie seine Idee vom Königtum zu zelebrieren. Diese wird deutlich, wenn er mit Bezug auf sein im Zentrum des gewaltigen Riegels gelegenes Ankleidezimmer meinte: „Mein Licht ist immer das erste, wenn ich morgens auf den Max-Joseph-Platz hinaus sehe“ – erst später würden dann auch die Zimmer der Bürgerhäuser hell. Ein wohlinszeniertes Bild: Während die Untertanen noch friedlich schlafen, flackert im Zentrum der imposanten Fassade hinter den für alle einsehbaren großen Rundfenstern ein einsames Flämmchen und leuchtet dem pflichtbewussten Landesvater beim täglichen Frühstudium der Akten…!

Im Sommer 2018 können wir nach langer Sanierungsphase den Königsbau wieder eröffnen – dann sind alle Besucherinnen und Besucher herzlich eingeladen, die Visionen Ludwigs I. beim Durchschreiten seiner einstigen Räume selbst nachzuvollziehen!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

Schreibe einen Kommentar