Auch ein schöner Rücken kann entzücken… Die Untersuchung der historischen Rahmen bietet spannende Erkenntnisse

Goldschimmernd und prachtvoll, elegant verziert und mit edler Anmutung präsentieren sich die Rahmen, die François Cuvilliés für die Wände der Grünen Galerie gestaltet hat – auf der Vorderseite. Die Rückseite wirkt da deutlich karger:


Vorne großes Theater, hinter den Kulissen tristes Braun in Braun? Weit gefehlt, die Rückseiten der historischen Rahmen erzählen komplexe Geschichten...


 

Blankes, oft nur roh bearbeitetes Holz, übersät von alten Schraub- und Nagellöchern, fest verbackenen Tropfspuren von Leim und Farbe, alte Zettel mit kryptischen Zahlenfolgen: Die Kehrseite des höfischen Rokoko – das lehrt schon der Blick ins Geschichtsbuch (oder vielleicht auch der Gang ins Kino) – ist derb und ziemlich schmuddelig. Insofern ein Glück, dass Bild und Rahmen in der Galerie außer im Fall einer Restaurierung an ihrem Platz verbleiben und ihre schmutzigen Geheimnisse für sich behalten? Uns im Museum präsentiert sich der Fall aus einer anderen Perspektive: Die Neueinrichtung der Galerie bietet uns die seltene, auf Jahre hinaus einmalige Gelegenheit, eine große Zahl der historischen Bilderrahmen tatsächlich in die Hand zu nehmen, intensiv zu untersuchen und wissenschaftlich zu erfassen. Die Begutachtung der Rückseite enthüllt dabei zahlreiche wichtige und interessante Details über Konstruktion, Herkunft und Geschichte der Stücke.

Wie meist ist auch bei einer solchen Untersuchung der Anfang fast das Schwerste: Die vergoldeten Holzrahmen haben zum Teil ein beachtliches Gewicht und müssen dennoch mit höchster Vorsicht bewegt werden, denn die auskragenden, fein durchbrochenen Schnitzereien der Ecken und Bekrönungen sind höchst fragil – was auch zahlreiche ältere, mehr oder minder geschickt und sorgfältig durchgeführte Klebungen bezeugen. Am Besten zu zweit bettet man die Rahmen mit der Rückseite nach oben auf eine Unterlage aus Kunststoffpolstern, wobei auch hier darauf zu achten ist, dass die Ornamente selbst möglichst frei in der Luft schweben, damit sie keinen Druck aushalten müssen.

Nachdem das gute Stück solcherart sicher abgelegt ist, wird erstmal gemessen: absolutes Maß, Länge und Breite der Leiste, lichtes Maß (also die tatsächliche Rahmenöffnung), Breite und Höhe des Falzes, in den die bemalte Leinwand gestellt wird… – das dient weniger der Befriedigung eigener Pedanterie, sondern der eindeutigen Identifizierung des Rahmens, dem Abgleich mit den in Quellen überlieferten Angaben und der praktischen Information – wird das vorgesehene Bild auch in diesen Rahmen passen (was, wenn nicht, ist eine andere Geschichte…).
Als nächstes wird überprüft, ob der Rahmen im Lauf seines Lebens verändert wurde: Kürzungen oder Anstückungen sind meist durch symmetrisch verlaufende Sägekanten zu erkennen, oft wurde auch der Falz ausgestemmt – also vergrößert –, wenn im Laufe der Zeit ein neues, etwas größeres Bild in den älteren Rahmen eingefügt werden sollte.
Zudem ist festzustellen, dass viele von Cuvilliés Rahmen ursprünglich reich verzierte Bekrönungen trugen, von denen aber nur noch wenige erhalten sind. Die anderen wurden – vermutlich im späten 18. Jahrhundert – abgesägt: deutlich ist das auf der Rückseite dort zu erkennen, wo das Sägeblatt sich durch ältere Inventarbeschriftungen hindurchgefressen hat.


ganz schön hingeschmiert... Alte Inventarnummer auf einer oberen Rahmenleiste (ob unsere Eintragungen auch einmal so ehrfürchtig von kommenden Generationen erfasst werden, ist noch fraglich)


Überhaupt die Inventarvermerke: zahlreiche Zettel und Beschriftungen in altertümlichen und neuzeitlichen Buchstaben, manchmal auch noch ein altes Siegel bedecken die Rahmenrückseiten. Sie ordnen die Stücke erst den kurfürstlichen und königlichen Möbelinventaren zu, bei späteren Erfassungen nach 1918 dann dem Besitz der Schlösserverwaltung. Manchmal gibt ein rasch auf das Holz gekritzelter Vermerk auch einen weiteren Hinweis auf einen älteren Hängeort. Im Bestfall kann man die gesamte Besitzgeschichte eines Rahmens auf diese Weise rekonstruieren.
Auch der Blick auf die Vergoldung ist aufschlussreich: Häufig sind nur die Vorderseiten und die Unterkanten von Rahmen und Ornamenten vergoldet, die Rückseite der Schnitzerei und das nicht sichtbare Profil der Oberkante dagegen hat man ausgespart – auch im verschwenderischen Zeitalter des Absolutismus hat man also zumindest in Detailfragen überraschend ökonomisch und pragmatisch gedacht – ob man damit aber die maroden fürstlichen Finanzen substantiell schonen konnte, bleibt jedoch sehr fraglich! 


Die Rückseite des aufgesetzten Eckornaments blieb unvergoldet - nur die Spitze wurde im 20. Jh. mit Blattgold belegt


 

Ein Blick auf die Konstruktion bestätigt schließlich glücklich die in den Archiven gefundenen Angaben. Von ihrer unterschiedlichen Bauweise her lassen sich alle Rahmen zwei Gruppen zuordnen. Dem entspricht die Überlieferung, dass zwei Schnitzwerkstätten, die des Johann Joachim Dietrich und des Wenzelaus Miroffsky, den Auftrag für die Anfertigung von Cuvilliés Galerierahmen erhalten haben. Besonders interessant ist die Entdeckung von metallenen Zapfen auf den Unterkanten von Miroffskys Rahmen, die für den Nordsalon der Galerie bestimmt waren: Mittels dieser Zapfen wurde die Bilder ursprünglich in passgenaue Aussparungen der Wandbespannung eingesetzt und saßen so ganz flach (und stoffsparend) vor dem leuchtend grünen Seidengrund!

Veröffentlicht von

Konservator des Residenzmuseums

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Informationen bei Facebook zu den Restaurierungen und Veranstaltungen in der Residenz finde ich wirklich sehr git. Vielen Dank

Schreibe einen Kommentar