Lifestyle auf dem Präsentierteller

Viel Licht, Goldglanz und reflektierende Kristalllüster, noble Gemälde an den grün bespannten Wänden und edelste Schaustücke auf Tischchen und Boden – so präsentierte sich die Galerie des Paradeappartements von Kurfürst Karl Albrecht (1726-45) der feinen Gesellschaft. Wer sich bei den höfischen Abendveranstaltungen in diesem „Spazier-Sahl“ tummelte, konnte damals zwischen den Fenstern sechs vergoldete Tischchen sehen.

Surtout mit Teeservice, Meißen, bemalt von Johann Gregorius Höroldt. Tafelaufsatz, vergoldetes Silber, angefertigt vom Augsburger Goldschmied Johann Engelbrecht, zwischen 1729 und 1733.


Zwei davon, diejenigen am zweiten unf fünften Fensterpfeiler, hatten Marmorplatten, auf denen zwei extrem aufwändig gestaltete Teeservice standen. Sie sind gerade jetzt an dieser Stelle auch wieder zu bewundern, wenngleich ohne ursprünglich noch dazugehörige kleine Löffel und weitere zwei Tässchen mit Unterschalen.

Heutzutage ist Teegenuss etwas Alltägliches, jeder kann es sich leisten und tut es in beliebiger Form. Im 18. Jahrhundert aber war ein Teestündchen echter Luxus. Schon der Import der kostbaren Blätter aus China und der sehr hohe Kaufpreis sorgten dafür, dass nur die gehobenen Kreise sich das beliebte Getränk leisten konnten. China galt ohnehin als chic, alles Exotische faszinierte die Menschen. Allerdings machte man sich so seine eigenen Vorstellungen vom Leben dort, das in den europäischen Köpfen immer unrealistischere, idealisierte Züge annahm.

Zuckerdose, Meißen, bemalt vom Porzellanmaler Johann Gregorius Höroldt, um 1724.

Der Porzellanmaler Johann Gregorius Höroldt in Meißen war ein Spezialist für solch heitere, chinoise Szenen, wie man sie auch auf den Gefäßen des Teeservice in umrankten, sorgfältig gemalten Bildfeldern entdecken kann. Wegen seiner künstlerischen Fähigkeiten hatten die Meißner Höroldt übrigens aus Wien abgeworben. In den Jahren ab 1723 konnte er dort besondere Farben entwickeln, die trotz der hohen Brenntemperaturen auf den glasierten Gefäßen auch ihren Glanz behielten. Die Porzellangeschirre der erfolgreichen sächsischen Manufaktur waren zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Geschirrs – um 1724 – selbst schon ein gefragter, teurer Markenartikel.

Teedose, Meißen, bemalt von Johann Gregorius Höroldt.

Wer auf noch prunkvollere Ausstattung Wert legte, erwarb ein Service, bei dem Kanne, zugehörige henkellose Tässchen, Zucker- und Teedosen mit einem Tablett und Halterungen aus Edelmetall kombiniert wurden. Augsburger Goldschmiede kooperierten dafür eng mit den Porzellanherstellern. Einer von ihnen, Johann Engelbrecht, fertigte 1729 bis 1733 aus vergoldetem Silber wohl gleich mehrere solcher „Surtout“ genannter Taferlaufsätze für eine adlige Kundschaft. 

Teeservice, Meißen, bemalt von Johann Gregorius Hörold, um 1724. Tafelaufsatz: vergoldetes Silber, angefertigt vom Augsburger Goldschmied Johann Engelbrecht, 1729-1733.

Kurfürst Karl Albrecht von Bayern, der spätere Kaiser Karl VII., erwarb zwei davon. In der Grünen Galerie wurden sie an einem sorgfältig bedachten Ort, zwischen fernöstlichen Lackarbeiten, Vasen, kostbaren Uhren, Terrinen und Leuchtern, präsentiert. Dort dürften sie vor allem das Bedürfnis nach herrschaftlicher Repräsentation erfüllt haben, weil sie sofort demonstrativ vor Augen führten, wie kunstsinnig, kostspielig, qualitätsbewusst und weltläufig man am Münchner Hof zu leben verstand – auch ohne je wirklich einen Schluck Tee aus dem Koppchen geschlürft zu haben.

Henkellose Tasse (Koppchen), Meißen, bemalt von Johann Gregorius Höroldt, um 1724.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar